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Kunst, Spektakel & Revolution N°9 ist erschienen!

Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung

Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires (OJTR)

EINLEITUNG DER HERAUSGEBER:INNEN

Im Mai 1968 bricht in Frankreich eine gewaltige Bewegung von Streiks und Revelten aus, die eine ganze Generation von Student:innen erahnen lässt, was der "Tag des Umsturzes"1 sein könnte. Das Ende der Demonstratienen begrub nicht die Wallungen, die durch diese intensive Abfolge von Kämpfen erzeugt wurde, und in den folgenden Jahren erschienen insbesendere im studentischen Milieu dutzende kleiner, selbsternannter "revolutionärer" Splittergruppen. In diesem Zusammenhang reicher politischer Erfahrungen wurde 1972 "Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfrämdung" in Form einer Broschüre geschrieben, die von der "Organisation Junger Revolutionärer Arbeiter" (l'Organisation des Jeunes Travailleurs Révolutiennaires, OJTR) für einige Francs verteilt wurde. Angesichts des Wildwuchses von Organisationen mit militanten Diskursen und Praktiken, die sich immer weiter vom Proletariat entfernten, ging es der OTJR darum, eine radikale Kritik des Aktivismus als einer vom sozialen Leben getrennten Sphäre zu entwerfen. Fast ein halbes Jahrhundert später ist dieser Text immer noch ven brennender Aktualität und seine Verbreitung scheint notwendig, um sich aus den folkloristischen Mustern zu lösen, die das Aktivistenmilieu noch heute kennzeichnen.

Die Besonderheit dieses Textes besteht darin, dass er die Praktiken einer politischen Gruppe nicht verunglimpft, um eine andere zu fördern. Sein polemischer Ton soll anzeigen, dass er nicht die zigste politische Ramschware sein wird, die versucht, die von ihren letzten Organisationserfahrungen enttäuschten Aktivist:innen in ihr eigenes Netz zu locken. Der Gegenstand dieses Textes ist in der Tat die Kritik des Aktivismus als solchem und die Art und Weise, wie er überall weitgehend gleich aufgefasst wird: "Die verschiedenen Arten des Aktivismus sind nur unterschiedliche Antworten auf denselben grundlegenden Widerspruch, von denen keine die Lösung enthält." Was alle Linksradikalen verschiedener Gefolgschaften verbindet, ist, dass sie von einer Ideologie angetrieben werden und an Kämpfen teilnehmen, die für sie selbst keinerlei lebenswichtige Bedeutung aufweisen. Sie geben sich selbst hin, manchmal bis zum Opfer, für einen Kampf, der ihnen fremd ist. Inspiriert von den Situationisten macht sich der Ton der Broschüre über das von Dogmetismus und seinen heiligen Idolen geprägte Imaginäre lustig: Der Titel selbst ist eine Parodie auf Lenins berühmtes Büchlein "Der Imperislismus als höchstes Stadium des Kapitalismus". In seiner ursprünglichen Veröffentlichung wurde der Text durch Détournements2 von Anzeigen oder Comics illustriert, deren Sprechblasen oder Bildunterschriften verfremdet waren, um linksradikale Aktivist:innen, ihren Verrat an Marx' Denken oder ihre Phantasie der "Selbstverwaltung" zu verspotten. Selbst der Name des Kollektivs "Organisation Junger Revolutionärer Arbeiter" erscheint als eine ironische Eulenspiegelei über die zahlreichen Gründungsvorbereitungen von "Massenparteien", die tatsächlich aber nur wenige Dutzend Individuen zusammen bringen. Die Parodie der ästhetischen Codes des Aktivismus (Slogans, Ikonographie und pomödse Organisationsnamen) ebnet den Weg für eine radikale Kritik seines praktischen Inhalts.

Das Wesen des Aktivismus besteht darin, leere Rhetorik zu produzieren und sich in ritualisierte Praktiken einzuschlieBen, deren Wirksamkeit nur in den Begriffen des Aktivismus selbst messbar scheint. In der Weise, wie Marx in "Das Kapital", im Kapitel über den Warenfetisch, eine Analogie zwischen der Ware und religiösen Phänemenen zieht, da die Individuen in kapitalistischen Gesellschaften durch ihre eigene Praxis dem Geld und den Waren mystiseche Macht zuschreiben, wird die Funktionsweise aktivistischer Gruppen mit religiöser Hingabe verglichen. Dieser Folklore wird die wahre revolutionäre Bewegung entgegen gesetzt: die Arbeiter:innenbewegung. Die Aktivist:innen setzen sich als deren Avantgarde, aber sie bebildern nur ihren Kampf. Wie zuvor die "Situationistische Internationale" und ihre Broschüre "Über das Elend im Studentenmilieu" von 1966 versuchen die Mitglieder der OJTR in den frühen 1970er Jahren vor allem, die Zentralität des Proletariats im revolutiondren Prozess wieder zu bekräftigen. Historisch gesehen haben die Avantgarden, die sich brüsteten, die Proletarier:innen zu vertreten, ihre Interessen nur verrasten und ihre Revolte eingeschläfert, indem sie den Staatskapitslismus (China, UdSSR, Kuba) als sozialistische Utopie getarnt haben. Aber das Proletariat, die einzige wirklich revolutionire Klasse, muss seine Existenzbedingungen selbst in die Hand nehmen und seine Subjektivität im Klassenkampf direkt durchsetzen. Die Trennung zwischen den arbeitenden Massen und den "bewussten Revolutionären" ergibt daher keinen Sinn: Nur durch die Subversion des täglichen Lebens - in allen Aspekten und damit auch im Innern der militanten Aktivität - wird die kapitalistische Entfremdung überwunden.

Durch die Festlegung auf produktive Gebote, die von der Verteilung einer Reihe von Flugblättern bis zur Rekrutierung neuer Anhänger:innen reichen, reproduziert der Aktivismus letztendlich die Zeitlichkeit der Lohnarbeit. Die abstrakte Arbeit der Aktivist:innen, die Zeit, die sie in ihren unzähligen Versammlungen und Kundgebungen verbracht haben, macht den politischen Wert ihrer Tätigkeit aus und verleiht ihnen einen symbolischen Rang unter ihresgleichen. Selbst wenn sich die Aktivist:innen in revolutionäre Ansprüche hüllen, tun sie in Wirklichkeit nichts anderes, als den Aktivismus zu verewigen. Deshalb ist militante Aktivität eine entfremdete Aktivitiät: Sie ist außerhalb der Aktivist:innen selbst, sie steht ihnen als eine von ihrem Alltagsleben und ihren Leidenschaften getrennte Sphäre gegenüber. Die Aktivist:innen betreiben sie nicht für das, was sie selbst daraus ziehen können, sondern um spätere Ziele zu erreichen, um von einer fernen Revelution zu profitieren, die ihnen als Leitmoetiv dient. Für die Autoren der OJTR muss der politische Kampf dagegen umfassend sein und die Trennungen beseitigen, die jede soziale Aktivität abschotten. Es gibt keinen Vermittler zwischen Proletariat und Kommunismus.

Fatalerweise gebiert der Aktivismus auch eine interne Hierarchie, indem er im Paradigma der Lohnarbeit und ihrer auszuführenden Aufgaben gefangen bleibt, die in Besprechungen entschieden und an jedes Mitglied der Organisation verteilt werden. Da die Aktivist:innen nicht die Interessen der Arbeiter:innenklasse vertreten, der sie fremd sind, haben sie keine andere Wahl, als ihre Entscheidungsmacht einer Bürokratie zu übergeben, die sich darum kümmert, sie in beruhigende Dogmen aufzulösen. Diese Prinzipien, die von der Führung der Organisation erlassen werden, fungieren dann als politische Linie. Nachdem er also die Lohnarbeit kopiert hat, reproduziert der Aktivismus nun die bürgerliche Demokratie.

Bedauerlicherweise konnte die kritische Dimension dieses Textes dazu dienen, die fatalistische Passivität derjenigen zu rechtfertigen, die sich unter dem Vorwand, alle politischen Aktivitäten wären im Wesentlichen entfremdet, gut davor hüten, sich in den Klassenkampf einzubringen. Stattdessen geben sie sich mit einer außerordentlichen Verteufelung ven all jenen zufrieden, die für eine bessere Welt kämpfen. Unnötig zu erwähnen, dass dies überhaupt nicht die Perspektive der OJTR war. Gegen die dem Aktivismus innewohnende Passivität forderten sie das genaue Gegenteil: die proletarische Spontaneität.

Aber ihre eindeutige Verurteilung der Aktivist:innen führt manchmal dazu, dass sie die aktivistische Entfremdung zu einem psychologischen Päénomen machen, was sich von einer Klassenanalyse entfernt, die sie zu verteldigen behaupten. In zwei Kapitelüberschriften wird somit das aktivistische Engagement als "Masochismus" oder "Aufstiegswunsch" dargestellt. In Wahrheit sind die sozialen Mechenismen, die den Aktivismus bestimmen, weitgehend von der Zugehörigkeit vieler seiner Vertreter:innen zur Mittelschicht geprägt. Die Analyse jener Klasse sowie ihrer Stellung in den sozialen Kémpfen war jedoch damals ein blinder Fleck der Gesellschaftskritik - oder diente höchstens als Instrument, um die baldige Nivellierung des Proletariats nach oben, seinen vermeintlichen Aufstieg und damit sein Verschwinden, zu behaupten.

Die OJTR wurde im Sommer 1970 als kurzlebiger Zweig junger Mitglieder der "Vereinigten Sozialistischen Partei" (Parti Socialiste Unifié, PSU) gegründet, die sich links von Francois Mitterands "Sozialistischer Partei" (Parti Socialiste, PS) positionierte. Die PSU sah darin eine Gelegenheit, sich in einem Teil des Proletariats zu etablieren, das ihr den Rücken gekehrt hatte, und eine radikalere Wähler:innenschaft für sich zurück zu gewinnen. Einige Zeit später brachen dissidente Aktivist:innen, die die OJTR mitgegründet hatten, mit der PSU, indem sie die Entführung eines ihrer nationalen Direktoren und des Leiters des parteieigenen Sicherheitsdienstes arrangierten, um die herrschende Bürokratie und Korruption in der Partei anzuprangern. Die interne Krise der PSU hatte sie von der Sinnlosigkeit einer solchen Organisation überzeugt und sie distanzierten sich von ihren ehemaligen Genoss:innen, die der PSU treu blieben und die Überbleibsel ihrer Karrierepläne zu retten versuchten. "Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung" wurde 1972 geschrieben, um die Selbstauflösung der Gruppe OJTR anzukündigen, die einige Monate zuvor in ihrer Vollversammlung beschlossen worden war. (Es wird im Text mehrmals deutlich gemacht, dass sich die Autoren von ihrer eigenen Kritik am Aktivismus nicht ausnehmen und sich selbst als OJTR ausdrücklich unter den Organisationen erwähnen, die versucht haben, sich zum Wortführer der proleterischen Basis zu machen.) Sehr schnell wurden die Autoren der Broschüre als "Kleinbürger" oder "Faschisten" beschimpft und man weigerte sich überall, einen Text zu verbreiten, der dem Funktionieren des Aktivismus selbst zuwiderlief. Man beklagte den Einfluss der Situationist:innen auf diese neue Generation, die selbst unorganisiert war und prompt alle bisherigen politischen Strukturen sabotiere, ohne zu erkennen, dass die situationistische Kritik "nur" auf die veralteten und sklerotischen Apparate zielte. Was von der OJTR übrig blieb strukturierte sich als Gruppe dann neu um die gleichnamige eigene Zeitung "Die Freunde von 4 Millionen Jungen Arbeitern" (Les Amis de 4 Millions de Jeunes Travailleurs).

Dieses neue Kollektiv war der Urheber der Broschüre "Eine Welt ohne Geld: der Kommunismus", eines Textes, der die theoretische Wiederbelebung der traditionellen Ultralinken vorwegnahm und ungeschickt den Grundstein legte, was später als Theorie der Kommunisierung bezeichnet wurde. Indem er sich gegen den "autoritären Kommunismus" stellte, wie er während des goldenen Zeitalters der "Kommunistischen Partei Frankreichs" und der Begeisterung für die UdSSR vorherrschte, entstaubte "Eine Welt ohne Geld: der Kommunismus" die rätekommunistischen Theorien und markierte gleichzeitig einen Bruch mit diesen. Tatsächlich wird der Kommunismus dort nicht mehr als revolutionäires Programm betrachtet, das es zu verwirklichen gelte, sondern als unmittelbares Verschwinden der kapitalistischen Verhältnisse und als Abschaffung der Arbeit (ein Gedanke, der bereits in "Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung" skizziert wurde). In diesem Sinne sind die Arbeiterräte kein Selbstzweck, der in der künftigen kommunistischen Gesellschaft bestehen bleibt, sondern ein einfaches Instrument zum
Sturz der Bourgeoisie.

Wenn der Kreis um die "Freunde von 4 Millionen Jungen Arbeitern" eine groBe Rolle bei der theoretischen Erneuerung der Post-'68er spielte, indem er eine Alternative zum binären Gegensatz zwischen dem Übergang zur Sozialdemokratie (siehe das Schicksal der Gruppe "Socialisme ou Barbarie" um Cornelius Castoriadis) und den Guerillas der Dritten Welt ohne Zukunft (hauptsäichlich in Lateinamerika, aber auch in Europa: "Action Directe", "Rote Armee Fraktion", “Brigate Rosse") verschlug, ist sein kritischer Ehrgeiz, der vom Bordigismus geerbt wurde, auf unglückliche Fallstricke gestoßen. Es erscheint uns notwendig, zu dieser Zeit zurückzukehren, in der eine den Holocaust leugnende Strömung innerhalb der französischen Ultralinken aufkam.3

Für den späteren "Negationismus" wurde ein Text wichtig, der bereits im Jahr 1961 in der Zeitschrift "Programme Communiste" erschien: "Auschwitz oder das groBe Alibi".4 Dieser Text wurde fälschlicherweise Amadeo Bordiga zugeschrieben5 , stammt jedoch tatsächlich aus der Feder von Martin Axelrad. Als Kind einer jüdischen Familie war Axelrad nach Frankreich geflohen, nachdem die Nazis den Anschluss Österreichs vollzogen hatten. Während ihm die Flucht gelang, sind seine Eltern in Treblinka ermordet worden. In Frankreich bewegte sich Axelrad zunächst in trotzkistischen, später in linkskommunistischen Zusammenhängen.6 Intention des Textes "Auschwitz oder das große Alibi" ist zunächst eine Kritik des französischen Staatsantifaschismus. Anders als im Nachkriegs-Deutschland vereinnahmten in Frankreich Teile des herrschenden Polit-Personals den Titel des Antifaschismus für sich - auch jene, die nicht im Widerstand aktiv gewesen waren oder gar mit den Nazis kollaboriert hatten. Vor allem unter de Gaulle wurde die Berufung auf einen patriotisch gefärbten Antifaschismus Teil eines restaurativen Klimas. Mit Hilfe des "Mythos der Résistance", der vorgab, alle Franzosen und Französinnen wären im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht gewesen, hatte de Gaulle versucht, die nationale Einheit wieder herzustellen. Der Faschismus erschien so ausschließlich als äußerer Feind und nicht im Innern des politischen Körpers. Das implizierte gleichzeitig, die Verbrechen des Vichy-Regimes zu verleugnen und zahlreiche Kollaborateur:innen zu begnadigen.

Auch wenn Axelrad in seinem Text die Shoa im Gegensatsz zu den Negationisten nicht leugnet - worauf er in einer Antwort auf mehrere Kritiken des Textes insistierte7 - schüttet er das Kind mit dem Bade aus, indem er den Antifaschismus als solchen als mystifizierende Theologie verwirft. In einer schematischen Klassenanalyse versucht er, die Shoa aus den kapitalistischen Verhältnissen heraus zu erklären bzw. werden Shoa und Antisemitismus bruchlos mit den kapitalistischen Verhältnissen identifiziert. Für Axelrad war der Verweis auf die nationalsozialistische Barbarei nur ein Alibi, also eine Entlastung für die Verbrechen des Kapitalismus: "Man zeigt die Lampenschirme aus Menschenhaut, damit vergessen wird, dass der Kapitalismus aus dem lebendigen Menschen, seiner Arbeitskraft, einen Lampenschirm macht."

Weiter behauptet Axelrad, dass spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts die jüdische Bevslkerung "ausschließlich im Kleinbürgertum" vertreten und in westlichen Demokratien "assimiliert" gewesen sei. Die Nazis hätten die Jüd:innen nur aus einem wirtschaftlichen Grund getötet: zur Vernichtung eines überzähligen Kleinbürgertums, das von der übrigen Kapitalist:innenklasse geopfert wurde (als wäre kein:e proletarische:r Jüd:in in den Lagern ums Leben gekommen - und was ist mit den Roma und Sinti, den Homosexuellen, und all den anderen Opfern?), weil sie "die einzige genügend identifizierbare Gruppe" gewesen wären. Das mit den Nerzis amalgamierte Kapital wollte sie loswerden, nicht töten: Die Jüd:innen wären nicht von Zyklon B vergast, sondern "aus dem Produktionsprozess ausgestoBen" worden. Weil sie sonst nirgends hingehen konnten, da kein Land sie aufnehmen wollte, hätten sich die Nazis gegen ihren Willen entschieden, sie zu ermorden - zuerst durch Überausbeutung, durch den Versuch, "mit den Westmächten über den Verkauf von einer Million Juden in Verhandlung zu treten", die scheiterte, und schließlich - um schneller voranzukommen und aus Verzweiflung, indem man sie ausrottete. Es scheint Axelrod absolut undenkbar, dass die Ideologie des Antisemitismus selbst zu einer systematischen Vernichtung führen kann.

Was die Vorstellung von Juden und Jüdinnen als "Klassenvolk betrifft, so wird diese zwar von Marx in "Zur Judenfrage" entwickelt und von Kautsky aufgegriffen, aber Engels gab seiner eigenen Auffasssung 1890 in einem Brief an Isidor Ehrenfreund eine nicht unerhebliche Wendung:

"Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, daß hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendsten. Wir haben hier in England in den letzten zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?"8

Die Existenz des "Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes” und die Explosion der jüdischen Gewerkschaftsbhewegung in Polen und Russland haben ihm Recht gegeben. Auf jeden Fall hat dieser Artikel von Axelrod, wenn er auch streng genommen den Holocaust nicht leugnet, so doch weitgehend zu seiner Relativierung beigetragen.

Die 1970er Jahre sind in Frankreich der Schauplatz eines wiedererwachten Interesses am Nationalsozialismus und der französischen Kollaboration. Die Regierung Chareles de Gaulles hatte versucht, die Realität des Vichy-Regimes zu überdecken, indem die nationale Einheit proklamiert und drei Amnestiegesetze in den späten 1940er und frühen '50er Jahren erlassen wurden, um die Illusion eines Frankreichs zu wecken, das dem Nazi-Regime Widerstand geleistet hätte. Darüber hinaus war die Realität der Shoa zu jener Zeit einer breiten Offentlichkeit noch weitgehend unbekannt. Der Film "Nacht und Nebel" von Alain Resnais ("Nuit et brouillard", 1956) beispielsweise verweist zwar auf die Gaskammern, aber ohne einen Bezug zum Antisemitismus herzustellen. Ab den 1970er Jahren fand die Vernichtung der Jüd:innen in die französische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus Eingang - insbesondere durch die Veröffentlichung "La France de Vichy" des Historikers Robert Paxton im Jahr 19739 und durch die Fernsehserie "Holocaust". Die extreme Rechte, die seit der französischen Niederlage im Algerienkrieg 1962 an Einfluss verloren hatte, griff diese Französische "Entdeckung" des antisenitischeen Charakters des Nazismus auf und leugnete sie heftig.10 Der "libertäre Pazifist” Paul Kassinier (bis 1963 der "Anarchistischen Föderation") hat seinerseits die Saat für einen linken Negationismus gelegt.

Rassinier wurde selbst 1943 von der Gestapo als Resistance-Kämpfer verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Er ging in seinen ersten Äußerungen zum NS nach 1945 zunächst noch relativ zaghaft vor: Die kommunistischen Kapos attackierte er dabei heftig, verwies auf die Lager in der UdSSR und prangerte im Namen des Friedens die "Germanophobie" an; die von Deutschland an Israel gezahlten Reparationen deklarierte er als "unverhältnismäßig", jagte nach Widersprüchen in den Aussegen von Widerstandskämpfer:innen, und empörte sich schließlich über die Entführung Adolf Eichmenns aus Argentinien, die seine gerichtliche Verurteilung in Israel ermöglichte.

In "Die Lüge des Odysseus" (Le Mensonge d'Ulysse, frz.: 1950, dt.: 1959) behauptet Rassinier, dass es die "konzentrationistische Bürokratie", also die kommunistischen Kapos in den Konzentrationslagern gewesen wären, die die meisten Ermordungen zu verantworten hätten, und nicht die SS. Diese hätte größtenteils von der Shoa nicht einmal etwas gewusst. Er bestreitet dabei jede Vernichtungsabsicht der Nazis. In "Das Drama der Juden Europas" (Le Drame des juifs européens, frz.: 1964, dt.: 1965) veröffentlichte er ein Interview mit einem ehemaligen SS-Mann, der behauptete, "nur ein oder zwei Verrückte unter der SS" seien in der Lage gewesen, Greueltaten zu begehen, weil "es in seiner großen Mehrheit ein anständiges Milieu war": "Wann immer die Behörden des Dritten Reiches über solche Tatsachen informiert wurden, setzten sie ihnen ein Ende." 1967 veräffentlichte er in dem Verlag "Nouvelle Edition Iatine"11 schließlich sein letztes Buch, "Tes Responsables de la
Seconde Guerre mondiale"12 , in dem es heißt:

"Statt aber einen um so leichteren Kompromiß zu suchen, als Hitler selbst einen solchen anstrebte, entfachten die Juden die Diskussion, indem sie sofort bekannten, sie befänden sich im Kriegszustand nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie, was völlig legitim gewesen wäre und schlimmstenfalls nur eine akademische Diskussion nach sich gezogen hätte, sondern auch mit Deutschland, was eine militärische Intervention bedingte: In allen Ländern, wo sie einigen Einfluß hatten, versuchten sie, die Welt auf diesen Weg zu treiben."13

Ressiniers Bücher wurden u.a. von dem Verlag "La Vieille Taupe" ("Der alte Meulwurf" ) herausgebracht. Dieser wurde ursprünglich von einem kleinen Kern Pariser Ultralinker um Pierre Guillaume und Jacques Baynac 1965 als Buchhandlung gegründet, die 1968 durch die aktive Teilnahme ihrer Mitglieder am Kampfkomitee der Fakultät von Censier einen gewissen Ruhm erlangt hatte. Die Buchhandlung war zuallererst ein Ort der Begegnung und des Austausches, an dem linke Aktivist:innen seltene Texte des Rätekommunismus oder der Situationistischen Internationale entdecken konnten - zu einer Zeit, als der Stalinismus der Kommunistischen Partei Frankreiche das geistige Leben der Linken fest im Griff hatte. In dieser Eigenschaft wurde sie von Dominique Blanc, einem einflussreichen Mitglied der OJTR und anschließendem Herausgeber der "Freunde von 4 Millionen Jungen Arbeitern”, sowie Gilles Dauvé, einem berühmten Theoretiker der Kommunisierung, besucht. Allerdings begrüßte "La Vieille Taupe" unter dem Deckmantel der Kritik an der bürgerlichen Demokratie alle Arten von Texten, solange sie sich dem "herrschenden Denken" widersetzten. Aus diesem Grund und aus einer vermeintlich radikalen Opposition gegen den Stalinismus heraus wurden hier auch Werke rechter Antikommunisten (Michel Collinet) oder Antisemiten (wie eben jenes Paul Rossinier) verkauft. Der Mangel an einer klaren politischen Haltung deutete auf Holocaustleugnung dienen sollte, die in groBen Teilen der revolutionären Linken in den folgenden Jahren leider akzeptiert wurde. Jacques Baynac und andere verließen aufgrund dieser Tendenz zum Negationismus schnell die Buchhandlung "La Viellle Taupe", während Pierre Guillaume und Dominique Blanc die Gruppe "La Guerre Sociale" ("Der soziale Krieg") gründeten, die sich tief in die Leugnung des Holocaust verstrickte.

Unter dem Vorwand eines kompromisslosen Antikapitalismus veröffentlichte "La Guerre Sociale" 1979 den Artikel "Wer ist der Jude?" Die Antwort lautete: Robert Fauerisson, seinerzeit ein ehenso berühmter französischer Holocaustleugner, der die Realität des nazistischen Genozids in Frage stellte und, so der Artikel, "verfolgt" wurde, weil er die Existenz von Gaskammern angezweifelt hat. Die Verbindungen Faurissons zu Mitgliedern von "La Guerre Sociale" verstetigten sich zu dieser Zeit, wodurch er einen festen Anker in der Ultralinken hatte, bis Guillaume und Blanc in den 1980er Jahren endgliltig aus kommunistischen Kreisen ausseschlossen wurden. Sie blieben jedoch in gewisser Weise aktiv, indem sie holecaustleusnende Werke veröffentlichten, die u.a. Noam Chomsky grßzügig mit einem persönlichen Vorwort versah14 , bevor Frankreich 1990 das Gayssot-Gesetz verabschiedete, das jede Holocaustleugnung mit strafrechtlicher Verfolgung ahndet. Wenn auch diese Gesetzgebung das von den routinierten Holocaustleugnern gepflegte Image, Opfer des Großkapitals zu sein, verstärkt haben mag, so hatte sie zumindest das Verdienst, sie zum Schweigen zu bringen.

Diese Diese Debatten, die die frenzösische Ultralinke dieser Zeit durchzogen, müssen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nicht nur, weil sie zeigen, dass Antisemitismus nicht allein den Rechten vorbehalten ist, sondern vor allem, weil sie die scheinbar harmlosen theoretischen Mechanismen beleuchten, die zur gröbsten Holocaustleugnung führen. Der dogmatische Ökonomismus, der dem Antisemitismus wie dem Rassismus die geringste Selbständigkeit abspricht und alle historischen Ereignisse durch das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erklärt, erweist sich als unfähig, die Vernichtungspolitik der Nazis oder die koloniale Herrschaft in all ihrer Spezifik zu verstehen. Jüd:innen, Schwarze und Araber:innen werden auf Klassenpositionen reduziert und es wird kein Versuch unternommen, die pluralen Herrschaftsstrukturen zu analysieren, die sich auf ihre soziale Existenz auswirken. Jede antirassistische Neigung wird als bürgerliches Manöver wahrgenommen, um das Proletariat von seinem eigentlichen Ziel abzulenken: dem Klassenkampf. Dieser Relativismus führt logischerweise zur Relativierung von Völkermorden. Die Anerkennung und Benennung dieser Verbrechen durch die Bourgeosie erscheint dieser Ideologie verdächtig, während sie eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenmächtigen "Logik" vermeidet.

Mit dem linken Negationismus der 1970er Jahre hat sich eine gewisse marxistische Ortodoxie als unfähig erwiesen, Antisemitismus nicht nur als "Klassen-Phänomen" zu verstehen. Darüber hinaus war es für die revolutionäre Linke dieser Zeit schwierig, die Institutionalisierung und Verstaatlichung des Kampfes gegen den Antisemitismus zu begreifen. So wurde der Negationismus als Mittel empfunden, die "offizielle Geschichte", die des Kapitals infrage zu stellen. Auch das Wiederaufleben des israelisch-palästinensischen Konfliktes und die Etablierung des Antizionismus als zentrales politisches Paradigma - einerseits für hestimmte "antiimperialistische" Gruppen, andererseits für die UdSSR, die einen wahren Kreuzzug gegen den "Zionismus" führte - gewannen in der Ultralinken dabei an Bedeutung.

Während wir in "Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung" keine Spur dieser schrägen Verzerrungen finden, ist Wachsamkeit geboten, wenn wir die Verwüstungen des Kapitalismus anprangern. Es darf nicht darum gehen, die kapitalistische Zivilisation oder die bürgerliche Demokratie angesichts der Barbarei der Nazis zu rehabilitieren, wohl aber zu erkennen, dass es verschiedene Grade des Graunes gibt.

Anmerkung

Bei der hier vorliegenden Version hendelt es sich um eine überarbeitete Übersetzung auf der Grundlage der Übersetzung von kommunisierung.net, von der auch Fußnoten in überarbeiteter Form übernommen wurden. Roland Biards "Dictionnaire de l'extreme-gauche de 1945 à nos jours" und "Trotskyism and Maoism. Theory and Practice in France and the United States" von A. Belden Fields wurden für die Fußnoten als benutzte Literatur angegeben.

Beilage zur achten Ausgabe des Magazins "Kunst, Spektakel & Revolution" 2023, abgetippt von Quextrott Feeper, Collagen von Lilli Helmbold. Wir danken dem französischen Genossen, der anonym bleiben möchte, fiir die historische Einleitung und Einordnung des Textes und Kata für die Bearbeitung für den Druck.

Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires

(OJTR)

DER AKTIVISMUS ALS HÖCHSTES STADIUM DER ENTFREMDUNG (1972)

DER REVOLUTIONÄR STEHT ZUM AKTTIVISTEN WIE DER WOLF ZUM SCHAF

Infolge der Bewegung der Besetzungen im Mai 1968 entwickelte sich links von der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaft CGT15 eine Reihe kleiner Organisationen, die sich auf Trotzkismus, Maoismus und Anarchismus berufen. Trotz der geringen Zahl an Arbeitern, die sich ihnen angeschlossen haben, behaupten sie, den traditionellen Organisationen die Kontrolle über die Arbeiterklasse streitig zu machen, als deren Avantgarde sie sich bezeichnen. Die Lächerlichkeit ihrer Behauptungen kann einen zum Iachen bringen, aber darüber zu lachen reicht nicht aus. Man muss tiefer gehen, verstehen, warum die moderne Welt diese extremistischen Bürokraten hervorbringt, und den Schleier ihrer Ideologien zerreißen, um ihre wahre historische Rolle zu entdecken. Revolutionäre müssen sich so weit wie möglich von linken Organisationen fernhalten und zeigen, dass die Aktionen dieser Gruppen die Ordnung der alten Welt keineswegs bedrohen, sondern bestenfalls zu ihrer
Wiederaufbereitung führen können. Wenn man anfängt, sie zu kritisieren, bereitet man den Boden für die revolutionäre Bewegung vor, die sie liquidieren muss, weil sie sonst von ihnen liquidiert wird.

Die erste Versuchung, die einem in den Sinn kommt, ist, ihre Ideologien anzugreifen, ihre Archaik oder Exotik (von Lenin bis Mao) aufzuzeigen und die Verachtung der Massen zu beleuchten, die sich hinter ihrer Ideologie verbirgt. Doch das wird schnell langweilig, wenn man in Betracht zieht, dass es eine Unzahl von Organisationen und Strömungen gibt, denen die Behauptung ihrer kleinen ideologischen Originalität am Herzen liegt. Andererseits würde dies bedeuten, sich auf ihr Terrain zu begeben. Mehr noch als ihre Ideen sollte man die Tätigkeit angreifen, die sie im "Dienst ihrer Ideen" entfalten: den AKTIVISMUS.16

Wenn wir den Aktivismus pauschal angreifen, dann nicht, weil wir die Unterschiede zwischen den Aktivitäten der verschiedenen Organisationen leugnen. Wir sind jedoch der Meinung, dass diese Unterschiede trotz oder wegen ihrer Bedeutung nur dann gut geklärt werden können, wenn man die Wurzel des Aktivismus angreift. Die verschiedenen Arten des Aktivismus sind lediglich unterschiedliche Antworten auf ein und denselben grundlegenden Widerspruch, von denen keine die Lösung enthält. Wenn wir unsere Kritik auf die Tätigkeit des Aktivisten stützen, unterschätzen wir nicht die Bedeutung von Ideen für den Aktivismus. Wenn diese Ideen jedoch in den Vordergrund gerückt werden, ohne mit der Aktivität in Verbindung gebracht zu werden, ist es wichtig zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Wir werden die Kluft zwischen ihnen aufzeigen, die Ideen mit der Aktivität verbinden und den Einfluss der Aktivität auf die Ideen enthüllen: Hinter der Lüge die Wirklichkeit des Lügners suchen, um die Wirklichkelt der Lüge zu verstehen.

Zwar sind die Kritik und Verurteilung des Aktivismus eine unerlässliche Aufgabe der revolutionären Theorie, doch kann sie nur vom "Standpunkt" der Revolution aus erfolgen. Bürgerliche Ideologien können Aktivisten als gefährliche Gauner oder manipulierte Idealisten bezeichnen und ihnen raten, ihre Zeit mit Arbeit oder im Club Méditerranée17 zu verbringen; sie können jedoch den Aktivismus nicht in der Tiefe angreifen, denn das hieße, das Elend aller Aktivitsten, welche die moderne Gesellschaft erlaubt, ans Licht zu bringen. Wir machen keinen Hehl aus unserer Voreingenommenheit, unsere Kritik wird nicht "objektiv und von allen Standpunkten aus gültig" sein.

Die Kritik am Aktivismus ist untrennbar mit dem Aufbau revolutiondrer Organisationen verbunden, nicht nur, weil Aktivistenorganisationen unermüdlich bekämpft werden müssen, sondern auch, weil der Kampf gegen die Tendenz zum Aktivismus innerhalb der revolutionären Organisationen selbst geführt werden muss. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Organisationen zumindest anfangs zu einem nicht unerheblichen Teil aus "reuigen" ehemaligen Aktivisten bestehen könnten, aber auch daran, dass der Aktivismus auf der Entfremdung eines jeden von uns beruht. Entfremdung lässt sich nicht wegzaubern, und Aktivismus ist die besondere Falle, die die alte Welt für Revolutionäre bereithält.

Was wir über die Aktivisten sagen, ist hart und unwiderruflich. Wir sind tatsächlich zu keinem Kompromiss mit ihnen bereit, sie sind keine Revolutionäre, die sich irren, oder Halbrevolutionäre, sondern Leute, die hinter der Revolution zurückbleiben. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass wir uns erstens aus dieser Kritik heraushalten - wenn wir klar und deutlich sein wollen, dann in erster Linie uns selbst gegenüber - und dass wir zweitens den Aktivisten als Individuum verurteilen und aus dieser Verurteilung eine moralische Angelegenheit machen. Es geht uns nicht darum, wieder in die Tremnung von Gut und Böse zurückzufallen. Wir unterschätzen nicht die Versuchung: "Je mehr ich gegen Aktivisten schimpfe, desto mehr beweise ich, dass ich keiner bin, und desto mehr schütze ich mich vor Kritik!"

DER MASOCHISMUS

Wir sollten uns bemühen, die Langeweile zu überwinden, welche die Aktivisten von Natur aus verbreiten. Wir sollten uns nicht damit begnügen, die Phraseologie iherer Flugblätter und Reden zu entziffern. Fragen wir sie nach ihren Gründen, die sie persönlich zum Aktivismus gebracht haben. Es gibt keine Frage, die einen Aktivisten mehr in Verlegenheit bringen könnte. Im schlimmsten Fall werden sie endlos über den Schrecken des Kapitalismus, das Elend der Kinder in der Dritten Welt, Streubomben, steigende Preise und Unterdrückung schwadronieren. Bestenfalls werden sie erklären, dass sie, nachdem sie sich der wahren Natur des Kapitalismus bewusst geworden sind - sie legen großen Wert auf diese berühmte "Einsicht" -, beschlossen haben, für eine bessere Welt, für den Sozialismus (den echten, nicht den anderen) zu kämpfen. Begeistert von diesen aufregenden Aussichten konnten sie dem Wunsch nicht widerstehen, sich auf die Bedienung der nächstgelegenen Kopiermaschine zu stürzen. Versuchen wir, der Sache auf den Grund zu gehen, und richten wir den Blick nicht mehr auf das, was sie sagen, sondern auf das, was sie leben.

Es gibt einen enormen Widerspruch zwischen dem, was sie angeblich begehren, und dem Elend und der Wirkungslosigkeit dessen, was sie tun. Die Mühe, zu der sie sich zwingen, und das Maß an Langeweile, das sie bereit sind zu ertragen, lassen keinen Zweifel daran, dass diese Menschen in erster Linie Masochisten sind. Abgesehen davon, dass man in Anbetracht ihrer Tätigkeit nicht glauben kann, dass sie tatsächlich ein besseres Leben wünschen, ist ihr Masochismus überhaupt nicht originell. Während einige Perverse eine Vorstellungskraft haben, die über die Armut der Regeln der alten Welt hinweg geht, so ist das bei den Aktivisten sicher nicht der Fall! Sie akzeptieren innerhalb ihrer Organisation die Hierarchie und die kleinen Chefs, obwohl sie behaupten, die Gesellschaft von ihnen befreien zu wollen, und die Energie, die sie aufwenden, wird spontan in die Form der Arbeit gegossen. Denn der Aktivist gehört zu jener Art von Menschen, denen acht oder neun Stunden täglicher Verblödung nicht ausreichen.

Wenn Aktivisten versuchen, sich zu rechtfertigen, können sie nur ihren Mangel an Vorstellungskraft zur Schau stellen. Sie können sich nichts anderes vorstellen, keine andere Form von Tätigkeit als die derzeit angebotene. Für sie sind die Trennung zwischen dem Ernsten und dem Amüsanten, den Mitteln und den Zwecken nicht mit einer bestimmten Epoche verbunden. Diese Kategorien sind für sie ewig und unüberwindbar: Man kann später nur glücklich sein, wenn man sich jetzt opfert. Das unbelohnte Opfer von Millionen Arbeiteraktivisten, von Generationen der Stalin-Ära bewegt nichts in ihren kleinen Köpfen. Sie sehen nicht, dass die Mittel den Zweck bestimmen und dass sie durch die Bereitschaft, sich heute zu opfern, die Opfer von morgen vorbereiten.

Die unzähligen Ähnlichkeiten zwischen Aktivismus und Religion sind frappant. Man findet die gleichen psychologischen Einstellungen: Opferbereitschaft, aber auch Unnachgiebigkeit, Willen zur Bekehrung und Unterwürfigkeit. Diese Ähnlichkeiten erstrecken sich auch auf den Bereich der Riten und Zeremonien: Predigten über Arbeitslosigkeit, Prozessionen für Vietnam, Verweise auf die heiligen Texte des Marxismus-Leninismus, Verehrung von Emblemen (rote Fahnen). Haben nicht auch die politischen Kirchen ihre Propheten, Hohepriester, Konvertiten, Ketzereien, Schismen, praktizierenden Aktivisten und nicht praktizierenden Sympathisanten? Aber revolutionärer Aktivismus ist nur eine Parodie der Religion. Der Reichtum, der Wahnsinn, die Maßlosigkeit des Religiösen entgehen ihm; er sehnt sich nach Ernsthaftigkeit, er will vernünftig sein, er glaubt, dafür ein Paradies hier auf Erden gewinnen zu können. Sogar das ist ihm verwehrt. Jesus Christus ist auferstanden und in den Himmel aufgefahren, Lenin verrottet auf dem Roten Platz.18

Wenn der Aktivist in Bezug auf seine Illusionen mit dem Gläubigen verglichen werden kann, muss er in Bezug auf seine tatsächliche Haltung ganz anders betrachtet werden. Das Opfer der Karmeliterin, die sich selbst einsperrt, um für die Errettung und das Heil der Seelen zu beten, hat nur sehr beschränkte Wirkung auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Ganz anders verhält es sich mit dem Aktivisten. Sein Opfer kann fatale Folgen für die gesamte Gesellschaft haben.

DER AUFSTIEGSWUNSCH

Der Aktivist spricht viel von den Massen. Sein Handeln ist auf sie ausgerichtet. Es geht darum, sie zu überzeugen, sie zur "Einsicht" zu bringen. Und doch ist der Aktivist von den Massen und ihren Möglichkeiten zur Revolte getrennt. Und zwar deshalb, weil er von seinen eigenen Wünschen getrennt ist.

Der Aktivist spürt die Absurdität der Existenz, die uns auferlegt wird. Indem er sich "entscheidet", Aktivist zu werden, versucht er, eine Lösung für die Kluft zwischen seinen Wünschen und dem, was er tatsächlich leben kann, zu finden. Es ist eine Reaktion auf das Elend seines Lebens. Damit begibt er sich jedoch auf einen Weg, der in eine Sackgasse führt.

Obwohl er unzufrieden ist, bleibt der Aktivist unfähig, seine Wünsche zu erkennen und sich ihnen zu stellen. Er schämt sich ihrer. Das führt dazu, dass er den Aufstieg seiner Wünsche durch den Aufstiegswunsch ersetzt. Aber seine Schuldgefühle sind so stark, dass er nur einen hierarchischen Aufstieg im Rahmen des Systems ins Auge fassen kann oder nur bereit ist, für einen guten Platz zu kämpfen, wenn er gleichzeitig die Garantie hat, dass es nicht für ihn selbst ist. Sein Aktivismus erlaubt ihm, aufzusteigen, sich auf einen Sockel zu stellen, ohne dass dieser Aufstieg für ihn selbst und für andere als das erscheint, was er ist. (Letztendlich ist auch der Papst nur der Diener Gottes!)

Sich in den Dienst seiner Wünsche zu stellen, bedeutet keineswegs, sich in sein Schneckenhaus zu flüchten, und hat nichts mit kleinbürgerlichem Individualismus zu tun. Im Gegenteil, es kann nur durch die Zerstörung des egoistischen Panzers, in den uns die biirgerliche Gesellschaft einschließt, und die Entwicklung einer echten Klassensolidaritä erreicht werden. Der Aktivist, der vorgibt, sich in den Dienst des Proletariats zu stellen ("Die Arbeiter sind unsere Herren", Alain Geismar19 ), stellt sich nur in den Dienst der Vorstellung, die er von den Interessen des Proletariats hat. So kommt es in einem nur scheinbaren Widerspruch dazu, dass man, wenn man sich wirklich in den Dienst seiner selbst stellt, anderen wirklich hilft, und zwar auf einer Klassenbasis - und dass man hingegen, wenn man sich in den Dienst der anderen stellt, eine persönliche hierarchische Position schützt.

Aktivismus bedeutet nicht, die Veränderung seines alltäglichen Lebens anzustreben, nicht direkt gegen das Unterdrückende zu revoltieren, sondern im Gegenteil dieses Terrain zu meiden. Dieses Terrain ist jedoch das einzig revolutionäre, wenn man weiß, dass unser alltägliches Leben vom Kapital kolonisiert und von den Gesetzen der Warenproduktion bestimmt wird. Indem er sich politisiert, sucht der Aktivist nach einer Rolle, die ihn über die Massen erhebt. Ob dieses "über" nun "avantgardistische" oder "erzieherische" Züge annimmt, ändert nichts an der Sache. Er ist bereits nicht mehr der Proletarier, der nichts als seine Illusionen zu verlieren hat; er hat eine Rolle zu verteidigen. In Zeiten der Revolution, wenn alle Rollen unter dem Druck des Wunsches nach einem ungehinderten Leben ins Wanken geraten, überlebt die Rolle des "einsichtigen Revolutionärs" am besten.

Durch den Aktivismus gibt er seiner Existenz Gewicht und seinem Leben einen Sinn. Aber diesen Sinn findet er nicht in sich selbst, in der Wirklichkeit seiner Subjektivität, sondern in der Unterwerfung unter äußere Notwendigkeiten. So, wie er bei der Arbeit einem Ziel und Regeln unterworfen ist, die sich ihm entziehen, gehorcht er beim Aktivismus den "Notwendigkeiten der Geschichte".

Natürlich kann man nicht alle Aktivisten über einen Kamm scheren. Nicht alle sind so schwer betroffen. Unter ihnen gibt es einige Naive, die nicht wissen, wie sie ihre Freizeit nutzen sollen, die von der Einsamkeit getrieben und von der revolutionären Phraseologie getäuscht wurden und sich verirrt haben; sie werden den erstbesten Vorwand nutzen, sich auf und davon zu machen. Der Kauf eines Fernsehers, die Begegnung mit der Seelenverwandten, die Notwendigkeit, Überstunden zu machen, um das Auto zu bezahlen, dezimieren die Reihen der Armee der Aktivisten!

Die Gründe für Aktivismus sind nicht erst seit heute bekannt. Im Grunde sind sie für gewerkschaftliche, katholische und revolutionäre Aktivisten dieselben. Das Wiederaufleben des revolutionären Massenaktivismus hängt mit der aktuellen Krise der Warengesellschaften und der Rückkehr des alten revolutionären Maulwurfs zusammen. Die Möglichkeit einer sozialen Revolution erscheint ernst genug, dess die Aktivisten darauf setzen. Das Ganze wird durch den Zusammenbruch der Religionen noch verstärkt.

Der Kapitalismus braucht keine religiösen Belohnungssysteme mehr. Er ist ausgereift und muss kein zusätzliches Glück im Jenseits anbieten, sondern alles Glück hier auf Erden, im Konsum seiner materiellen, kulturellen und geistigen Waren (metaphysische Angst verkauft sich!). Von der Geschichte überholt, bleibt den Religionen und ihren Anhängern nichts anderes übrig, als zur sozialen Aktion überzugehen - oder zum Maoismus.

Der linke Aktivismus erreicht vor allem jene, die sich in einem beschleunigten Proletarisierungsprozess befinden (Schüler, Studenten, Lehrer, sozialpidagogisches Personal, ...), die keine Möglichkeit haben, konkret für kurzfristige Vorteile zu kämpfen, und für die es eine sehr tiefe persönliche Infragestellung voraussetzt, wirklich revolutionär zu werden. Der Arbeiter ist viel weniger ein Komplize seiner sozialen Rolle als der Student oder der Lehrer. Für Letztere ist das Aktivwerden eine Kompromisslösung, die es ihnen ermöglicht, ihre schwankende soziale Rolle zu stützen. Sie finden im Aktivismus eine persönliche Bedeutung wieder, die ihnen der Verfall ihrer sozialen Rolle verwehrt. Wenn men sich selbst als Revolutionär bezeichnet und sich mit der Veränderung der gesamten Gesellschaft befasst, kann man sich die Veränderung der eigenen Situation und der persönlichen Illusionen ersparen.

In der Arbeiterklssse hat die Gewerkschaft beinahe das Monopol auf den Aktivismus, sie sichert dem Aktivisten unmittelbare Befriedigung und eine Position, deren Vorteil sich konkret messen lässt. Der Arbeiter, der durch den Aktivismus angezogen ist, wird sich höchstwahrscheinlich der Gewerkschaft zuwenden. Selbst gewerkschaftsfeindliche Kampfkomitees neigen dazu, Gewerkschaftsarbeit eines neuen Typs zu betreiben. Politische Aktivität ist für Arbeiteraktivisten nur die Fortsetzung der gewerkschaftlichen Aktion. Der Aktivismus reizt die Arbeiter kaum, insbesondere die jungen Arbeiter, denn sie sind die hellsichtigsten Proletarier, was das Elend ihrer Arbeit im Besonderen und das ihres Lebens im Allgemeinen betrifft. In ihrer Gesamtheit schon wenig angezogen von den Gewerkschaften sind sie es noch weniger von
einem Linksradikalismus mit seinen nebulösen Vorteilen.

Wenn im revolutionären Sturm die Herrschaft der Waren und des Konsums zusammenbricht, wird die Gewerkschaftsbewegung, die sich ernsthaft auf Forderungen gründete, bereit sein, zum revolutionären Aktivismus überzugehen, allein um zu überleben. Sie wird die extremistischen Parolen übernehmen und wird dann viel gefährlicher sein als die linken Gruppen. Die CFDT20 hat nach dem Mai 1968 das Wort "Selbstverwaltung" in ihr neubürokratisches Geschwafel eingeflochten.

DIE POLITISCHE ARBEIT

Die "freie" Zeit, die ihm seine beruflichen oder schulischen Verpflichtungen lassen, verbringt der Aktivist mit dem, was er selbst als "politische Arbeit" bezeichnet. Man muss Flugblätter drucken und verteilen, Plakate herstellen und aufhängen, Versammlungen abhalten, Kontakte knüpfen, Versammlungen vorbereiten ... Doch es ist nicht diese oder jene Aktion, isoliert betrachtet, welche die aktivistische Arbeit charakterisiert. Die einfache Tatsache, ein Flugblatt zu schreiben mit dem Ziel, es zu drucken und zu verteilen, kann nicht als aktivistischer Akt betrachtet werden. Aktivistisch ist es, weil es Teil einer Tätigkeit ist, welche eine besondere Logik hat.

Weil die Tätigkeit des Aktivisten nicht die Verlängerung seiner Wünsche ist, weil sie einer äußeren Logik gehorcht, nähert sie sich der Arbeit an. Genau wie der Arbeiter nicht für sich selbst arbeitet, kämpft der Aktivist nicht für sich selbst. Das Ergebnis seines Handelns kann daher nicht an der Freude gemessen werden, die er daraus zieht. Es wird also nach der Anzahl der aufgewendeten Stunden und der Anzahl der verteilten Flugblätter beurteilt. Wiederholung und Routine domienieren die Tätigkeit des Aktivisten. Die Trennung zwischen Ausführung und Entscheidung verstärkt den Beamtencharakter des Aktivisten.

Doch obwohl der Aktivismus der Arbeit nahekommt, kann er nicht mit ihr gleichgesetzt werden. Die Arbeit ist die Tätigkeit, auf die sich die herrschende Welt stützt, sie produziert und reproduziert das Kapital und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse; der Aktivismus ist nur eine zweitrangige Tätigkeit. Das Ergebnis der Arbeit und ihre Wirkung lassen sich zwar definitionsgemäß nicht an der Zufriedenheit des Arbeiters messen, haben aber den Vorteil, dass sie wirtschaftlich messbar sind. Die Warenproduktion schafft durch Geld und Gewinn ihre Standards und Messinstrumente. Sie hat ihre Logik und ihre Rationalität, die sie dem Produzenten und dem Konsumenten aufzwingt. Im Gegensatz dazu haben die Wirksamkeit des Aktivismus, das "Fortschreiten der Revolution", noch keine Messinstrumente gefunden. Ihre Kontrolle entzieht sich den Aktivisten und ihren Führern. Natürlich nur unter der Annahme, dass diese sich noch um die Revolution kümmern. Man ist also gezwungen, das produzierte und verteilte Material, die Rekrutierung und die durchgeführten Aktionen zu zählen, was natürlich nie das misst, was man zu messen vorgibt. Logischerweise kommt man zu der Auffassung, dass das, was messbar ist, ein Zweck an sich ist. Stellt euch den Kapitalisten vor, der, da er kein Mittel findet, um den Wert seiner Produktion zu bemessen, sich auf die Menge 01 zu stützen versucht, welches seine Maschinen verbrauchen. Sehr schnell, unter dem Druck eifriger Vorarbeiter, würden die Arbeiter 01 in den Abfluss schütten, um die Produktion anzukurbeln. Unfähig, das angestrebte Ziel zu verfolgen, kann der Aktivismus die Arbeit nur nachäffen.

Da sie sich gewissenhaft bemühen, die Arbeit zu imitieren, sind Aktivisten kaum in der Lage, die Perspektiven zu verstehen, die sich einerseits durch die immer weiter verbreitete Verachtung jeglicher Zwänge und andererseits durch den Fortschritt von Wissen und Technik eröffnen. Die klügsten unter ihnen stellen sich an die Seite der Ideologien der modernistischen Bourgeosie, wenn sie fordern, die Arbeitszeiten zu verkürzen oder die widerwärtige Tätigkeit zu vermenschlichen. Ob im Namen des Kapitals oder der Revolution, all diese Teute erweisen sich als unfähig, über die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit, von konsumtiver und produktiver Tätigkeit hinauszublicken.

Wenn wir gezwungen sind zu arbeiten, ist die Ursache dafür nicht natürlich, sondern gesellschaftlich bedingt. Arbeit und Klassengesellschaft gehen Hand in Hand. Der Herr will den Sklaven produzieren sehen, denn nur das, was produziert wird, ist aneignungsfähig. Die Freude, das Vergnügen, das man bei irgendeiner Tätigkeit findet, das kann der Kapiteslist nicht kapitalisieren, anhäufen, in Geld umsetzen, also ist es ihm egal. Wenn wir arbeiten, sind wir vollständig einer Autorität, einem äußeren Gesetz unterworfen, unsere einzige Daseinsberechti-gung ist das, was wir produzieren. Jede Fabrik ist eine Erpressung, in der unser Schweiß und unser Leben aufgesogen werden, um in Waren verwandelt zu werden.

Die Zeit, die wir mit Arbeit verbringen, ist eine Zeit, in der wir nicht direkt unsere Wünsche befriedigen, sondern in Erwartung der späteren Wiedergutmachung, die der Lohn darstellt, opfern müssen. Das ist genau das Gegenteil des Spiels, bei dem der Ablauf und Rythmus unserer Tätigkeit einzig und allein durch unser Vergnügen daran bestimmt werden. Wenn sich das Proletariat emanzipiert, wird es die Arbeit aufheben. Die Produktion der zu unserem biologischen Überleben notwendigen Lebensmittel wird nur noch ein Vorwand sein, um unsere Leidenschaften zu befreien.

DER VERSAMMLUNGSWAHN

Ein signifikantes Merkmal des Aktivismus ist die Zeit, die man in Versammlungen verbringt. Lassen wir die Debatten beiseite, die der großen Strategie gewidmet sind: Wo stehen unsere Genossen in Bolivien, wann kommt die nächste Weltwirtschaftskrise, geht der Aufbau der revolutionären Partei voran? Beschränken wir uns auf Treffen, bei denen es um die "tägliche Arbeit" geht. Hier zeigt sich das Elend des Aktivismus vielleicht am deutlichsten. Abgesehen von einigen hoffnungslosen Fällen beschweren sich die Aktivisten selbst über die Anzahl der "Treffen, bei denen man nicht vorankommt". Auch wenn sich Aktivisten gerne gegenseitig aufheizen, leiden sie unter dem offensichtlichen Widerspruch zwischen ihrem Willen zu handeln und der Zeit, die sie mit nutzlosen Debatten und aussichtslosen Diskussionen verschwenden. Sie sind dazu verdammt, in einer Sackgasse zu verharren, weil sie die "Meetingitis" und den Versammlungswahn hinterfragen, ohne zu sehen, dass der gesamte Aktivismus in Frage steht. Die einzige Möglichkeit, dem Versammlungswahn zu entfliehen, führt in einen Aktivismus, der immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Was tun? Wie sich organisieren? Das sind die Fragen, die die Versammlungen antreiben und provozieren. Doch diese Fragen können nie geklärt werden, ihre Lösung kommt nie voran, denn wenn die Aktivisten sie sich stellen, stellen sie sie als von ihrem Leben getrennt. Die Antwort lässt auf sich warten, weil die Frage nicht von dem gestellt wird, der die konkrete Lösung besitzt. Man kann stundenlang tagen und sich das Hirn zermartern, der praktische Träger, der den Ideen fehlt, wird trotzdem nicht plötzlich auftauchen. Während solche Fragen für das revolutionäre Proletariat Bagatellen sind, weil für es die Probleme der Aktion und der Organisation konkret auf=treten, Teil seines Kampfes sind, werden sie für die Aktivisten zum "Problem". Die Vereinigungsbesessenheit ist die notwendige Ergänzung zum Aktivismus. Im Grunde genommen ist es das immergleiche Problem: Wie kann man mit der Massenbewegung verschmelzen, indem man die Wirklichkeit seiner Wünsche und die Möglichkeiten ihrer Verwirklichung wiederfindet, oder aber ihre Macht als Aktivisten zu stärken, indem man sich auf die Seite der alten Welt gegen das Proletariat stellt. Anhand der wilden Streiks zeigt sich, dass es dieses Risiko gibt!

Im Umgang mit den Massen reproduziert der Aktivismus seine inneren Schwächen, insbesondere seine Neigung zum Versammlungswahn und zur Vereinigungssucht. Man versammmelt Menschen und zählt sie. Für einige wie die Alliance des Jeunes pour le Socialisme21 wird das Zeigen und Zählen sogar zum Höhepunkt der Aktion!

Diese Fragen der Aktion und der Organisation, die bereits von der wirklichen Bewegung getrennt sind, werden wiederum mechanisch untereinander getrennt. Die verschiedenen Richtungen der Linken konkretisieren diese Trennung. Auf der einen Seite gibt es mit den Maoisten und der ehemalipen Gauche prolétarienne (GP)22 den Pol der Aktion, auf der anderen Seite mit den Trotzkisten und der Ligue Communiste23 den Pol der Organisation. Man fetischisiert entweder die Aktion oder die Organisation, um aus der Sackgasse herauszukommen, in die sich der Aktivismus durch die Trennung von den Massen begeben hat. Jeder schützt seinen bevorzugten Schwachsinn, indem man sich über die Ausrichtung der konkurrierenden Gruppen lustig macht.

DIE BÜROKRATIE

Aktivistenorgsnisationen sind alle hierarchisch aufgebaut. Einige der Organisationen kaschieren das nicht, sie tendieren gar eher dazu, damit zu prahlen. Andere beschränken sich darauf, so wenig wie möglich darüber zu sprechen. Und schließlich versuchen einige kleine Gruppen, es abzustreiten.

So wie sie die Arbeit reproduzieren oder eher nachäffen, brauchen die aktivistischen Organisationen "Chefs". Da sie nicht in der Lage sind, ihren Zusammenschluss auf der Grundlage ihrer konkreten Probleme aufzubauen, sind die Aktivisten natürlich geneigt, zu glauben, dass die Vereinheitlichung der Entscheidungen nur aus der Existenz einer Führung resultieren kann. Sie können sich nicht vorstellen, dass die gemeinsame Wahrheit aus dem individuellen Willen, irgendwie aus dem Schlamassel herauszukommen, hervorgehen kann; sie muss von oben herab aufgeworfen und auferlegt werden. Daher stellen sie sich die Revolution notwendigerweise als Zusammenstoß zwischen zwei hierarchischen Staatsapparaten vor, von denen der eine bürgerlich, der andere proletarisch ist.

Sie wissen nichts über die Bürokratie, ihre Autonomie und die Art und Weise, wie sie ihre inneren Widersprüche löst. Die durchschnittlichen Aktivisten glauben naiv, dass sich Konflikte zwischen Führern auf Ideenkonflikte reduzieren lassen und dass es dort tatsächlich Einheit gibt, wo man behauptet, dass sie herrscht. Ihr großer Stolz besteht darin, dass sie die Organisation oder den Trend, der für die richtige Richtung sorgt, erkannt haben. Indem der Aktivist sich dieser oder jener Clique anschließt, nimmt er ein System von Ideen an, wie man einen Anzug anzieht. Da er die Grundlage dessen nicht überprüft hat, ist er bereit, alle Konsequenzen zu verteidigen und auf alle Einwände mit einem unglaublichen Dogmatismus zu antworten. In einer Zeit, in der die Priester von spirituellen Krisen zerrissen werden, bewahrt der Aktivist seinen Glauben.

Da der Aktivismus gezwungen ist, der immer weiter verbreiteten Verachtung jeglicher Autorität Rechnung zu tragen, hat sie Ableger eines neuen Typs hervorgebracht. Manche Organisationen geben vor, keine zu sein, und verheimlichen so ihre Führung. Bürokraten verbergen sich, um besser die Fäden ziehen zu können. Einige traditionelle Organisationen versuchen, mehr oder weniger dauerhafte Parallelorganisationen aufzubauen. Sie hoffen, im Namen der "proletarischen Autonomie" Menschen zurückzugewinnen oder zumindest zu beeinflussen, die ihnen sonst entgehen. Die Rote Hilfe, die OJTR und die Arbeiter- und Bauernversammlungen der PSU24 sind hier zu nennen ...

Auch einige unabhängige Zeitungen oder Satellitenblätter von Organisationen behaupten, dass sie nur die Ansichten der revolutionären Massen oder autonomen Basisgruppen ausdrücken. Nennen wir die "Cahiers de Mai"25 , "Ta technique en Iutte", "L'outil des travailleurs" ... Wo man sich weigert, sowohl organisatorische als auch theoretische Fragen klar zu stellen, unter dem Vorwand, dass die Stunde für den Aufbau einer revolutionären Partei noch nicht gekommen sei, oder im Namen eines billigen Spontaneismus ("Wir sind keine Organisation, sondern eine Ansammlung von braven Jungs, eine Gemeinschaft, ..."), kann man sicher sein, Bürokratie und oft auch Maoismus zu findene. Der Vorteil des Trotzkismus ist, dass er aufgrund seines Organisationsfetischs gezwungen ist, Farbe zu bekennen; er vereinnahmt und sagt es
auch. Der Vorteil des Maoismus (wir sprechen nicht vom reinen und prähistorisch stalinistischen Maoismus à la "Humanité Rouge"26 ) ist, dass er die Bedingungen für sein eigenes Überlaufen schafft; indem er den Seiltänzer der Vereinnahmung spielt, wird er zwangsläufig auf die Schnauze fallen.

OBJEKTIVITÄT UND SUBJEKTIVITÄT

Die Ideensysteme der Aktivisten variieren von Organisation zu Organisation, aber sie sind alle von der Notwendigkeit geprägt, die Natur der Tätigkeit, die sie verbergen, und die Trennung von den Massen zu verschleiern. Man findet im Zentrum von Aktivistenideologien ebenfalls die auf mechanische und ahistorische Art und Weise konzipierte Trennung zwischen Objektivität und Subjektivität.

Der Aktivist, der sich dem Dienst am Volk widmet, leugnet zwar nicht, dass seine Tätigkeit subjektive Beweggründe hat, weigert sich aber, diesen Bedeutung beizumessen. In jedem Fall muss das Subjektive zugunsten des Objektiven beseitigt werden. Der Aktivist, der sich weigert, von seinen Wünschen getrieben zu werden, muss sich auf historische Notwendigkeiten berufen, die als außerhalb der Welt der Wünsche liegend betrachtet werden. Er glaubt dank des "wissenschaftlichen Sozialismus", einer erstarrten Form des degenerierten Marxismus, den Sinn der Geschichte entdecken und sich ihm anpassen zu können.

Er berauscht sich an Begriffen, deren Bedeutung ihm entgeht. Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Wertgesetz, Diktatur des Proletariats, ... All das gibt ihm die Sicherheit, dass seine Agitation ernst gemeint ist. Indem er sich aus "seiner Kritik" der Welt heraushält, ist er dazu verurteilt, rein gar nichts vom Gang der Welt zu verstehen.

Die Leidenschaft, die er in seinem Alltag nicht aufbringen kann, überträgt er auf seine imaginäre Teilnahme am "revolutionären Weltspektakel". Die Welt wird zu einem Kasperletheater degradiert, in dem Gute und Böse, Imperialisten und Antiimperialisten gegeneinander antreten. Er kompensiert die Armseligkeit seiner Existenz, indem er sich mit den Stars dieses weltweiten Zirkus identifiziert. Der Gipfel der Lächerlichkeit wurde sicherlich mit der kultischen Verehrung von "Che" erreicht. Als wahnwitziger Ökonom, bemitleidenswerter Stratege, aber doch heißer Typ hatte Guévara zumindest den Trost, dass sein Hollywood-Talent belohnt wurde. Ein Rekord im Posterverkauf!

Was ist Subjektivität anderes als der Rest Objektivität, das, was eine auf der kommerziellen Reproduktion basierende Gesellschaft nicht integrieren kann? Die Subjektivität des Künstlers objektiviert sich im Kunstwerk. Für den Arbeiter, der von den Produktionsmitteln und der Orgenisation seiner eigenen Produktion getrennt ist, bleibt die Subjektivität im Zustand von Manien und Phantasien ... Was sich objektiviert, tut dies durch die Gnade des Kapitels und wird selbst zum Kapital. Die revolutionäre Tätigkeit, genau wie die Welt, die sie andeutet, überwindet die Trennung zwischen Objektivität und Subjektivität. Sie macht die Subjektivität objektiv und nimmt subjektiv die objektive Welt in Beschlag. Die proletsrische Revolution ist der Einbruch der Subjektivität!

Es geht nicht darum, in den Mythos einer "wahren menschlichen Natur", des "ewigen Wesens" des Menschen zurückzufallen, das, von der Gesellschaft unterdrückt, wieder ans Licht kommen soll. Aber auch wenn die Form und der Zweck unserer Wünsche variieren, lassen sie sich keineswegs auf das Bedürfnis reduzieren, dieses oder jenes Produkt zu konsumieren. Die Subjektivitdt, die historisch von der Entwicklung und den Notwendigkeiten der Warenproduktion bestimmt wird, beugt sich keineswegs den Bedürfnissen des Konsums und der Produktion. Um die Wünsche der Konsumenten zu vereinnahmen, muss sich die Ware immer wieder anpassen. Sie bleibt jedoch unfähig, den Willen zum Leben zu befriedigen, selbst wenn sie unsere Wünsche vollständig und direkt erfüllt. Als Avantgarde der Warenprovokation müssen die Schaufenster immer häufiger die Kritik des Pflastersteins über sich ergehen lassen!

Diejenigen, die sich im Namen des "materilistischen Denkens" weigern, die Wirklichkeit ihrer Wünsche zu berücksichtigen, laufen Gefahr, vom Gewicht unserer Wünsche eingeholt zu werden. Die Aktivisten und ihre Ideologien, selbst wenn sie einen Universitätsabschluss haben, sind immer weniger in der Lage, ihre Epoche zu verstehen und mit der Geschichte Schritt zu halten. Da sie nicht in der Lage sind, ein einigermaßen modernes Denken zu entwickeln, sind sie darauf beschränkt, auf dem Müllhaufen der Geschichte nach Ideologien zu wühlen, die sich schon seit geraumer Zeit als gescheitert erwiesen haben: Anarchismus, Leninismus, Trotzkismus, ... Um das Ganze verdaulicher zu machen, würzen sie es mit ein wenig Maoismus oder falsch verstandenem Castroismus. Sie berufen sich auf die Arbeiterbewegung, verwechseln deren Geschichte aber mit dem Aufbru eines Stastskapitalismus in Russland oder dem bürokratisch-bäuerlichen Epos des "Iangen Marsches" in China. Sie behaupten, Marxisten zu sein, verstehen aber nicht, dass das marxistische Projekt der Aufhebung der Lohnarbeit, der Warenproduktion und des Strates untrennbar von der Machtergreifung des Proletariats ist.

Die "marxistischen" Denker sind zunehmend unfähig, die von Marx eingeleitete Analyse der grundlegenden Widersprüche des Kanitalismus wieder aufzunehmen. Sie verlieren sich suf dem Terrain der bürgerlichen politischen Ökonomie, während sie Unsinn über das Arbeitswertgesetsz, den tendenziellen Fall der Profitrate und die Realisierung des Mehrwerts wiederkäuen. Trotz ihrer Behauptungen verstehen sie nichts von der Funktionsweise des modernen Kapitalismus. Da sie sich verpflichtet fühlen, ein marxistisches Vokabular zu benutzen, dessen Gebrauchsanweisung sie nicht kennen, verpassen sie die wenigen Möglichkeiten der Analyse, die der politischen Okonomie verbleiben. Ihre "Forschungen" dind weniger Wert als jene des erstbesten Schülers von Keynes.

AKTIVISTEN UND ARBEITERRÄTE

Aktivistische Organisstionen verselbstständigen sich gegenüber den Massen, die sie zu vertreten vorgeben. Das führt natürlich dazu, dass sie davon ausgehen, dass nicht die Arbeiterklasse die Revolution macht, sondern "die Organisationen der Arbeiterklasse". Diese müssen daher gestärkt werden. Das Proletariat wird zum Rohmaterial, zum Dung, auf dem die rote Rose, die revolutionäre Partei, gedeihen kann. Die Notwendigkeiten der Verwertung erfordern, dass man nach außen nicht zu viel darüber spricht; hier beginnt die Demagogie.

Die Verselbstständigung der Ziele der aktivistischen Organisationen muss verschleiert werden. Dazu dient die Ideologie. Man verkündet lautstark, dass man im Dienste des Volkes steht, dass man nicht zum eigenen Vorteil handelt und dass man, wenn man jemals für einen kurzen Moment gezwungen ist, die Macht zu übernehmen, diese nicht missbrauchen wird. Sobald die Arbeiterklasse gut erzogen ist, wird man sich beeilen, ihr die Macht zurückzugeben.

Die Geschichte der Arbeiterräte zeigt, dass die sogenannten Arbeiterorgrnisationen systematisch versuchten, ihr eigenes Spiel zu spielen und die Kastanien aus dem Feuer zu holen - natürlich aus den besten Beweggründen. Um ihre Macht zu sichern, versuchten sie, die Organistionsformen, die sich das Proletsriat gegeben hatte, einzuschränken, zu vereinnahmen und zu zerstören: Gebietssowjets, Fabrikkomitees.

Die russischen Sowjets wurden von der bolschewistischen Partei und dem bolschewistischen Staat über den Tisch gezogen und dann liquidiert. Im Jahr 1905 misst Lenin ihnen keine Bedeutung bei. Im Jahr 1917 hingegen wurde verkündet: "Alle Macht den Sowjets". 1921 werden die Sowjets, die als Trittbrett zur Machtergreifung dienten, lästig; die Arbeiter und Matrosen von Kronstadt, die freie Sowjets forderten, werden von der Roten Armee niedergeschlagen. In Deutschland übernahm die sozialdemokratische Rerierung der "Volkskommissare" die Aufgabe, die Arbeiterräte im Namen der Revolution zu liquidieren.

In Spanien kümmern sich einmal mehr die Kommunisten darum, die Formen der Volksmacht zu beseitigen. Das sollte dazu dienen, den Kampf gegen den Faschismus zu fördern! Es ist nicht nötig, mehr Beispiele zu nennen. Alle historischen Erfahrungen haben den Antagonismus bestätigt, der zwischen dem revolutionären Proletariat und der aktivistischen Organisation besteht. Hinter der radikalsten Ideelogie kann sich die konterrevolutionärste Position verbergen. Auch wenn einige Orgenisationen dennoch bis zur gemeinsamen Niederlage an der Seite des Proletariats kämpften, wie der Spartakusbund und die anarchosyndikalistische CNT=FAI27 , gibt es keinen Beweis dafür, dass diese Orgenisationen nicht nach der Niederlage des Gegners den Kampf um ihre eigene Macht aufgenommen hätten.

China ist nichts weiter als ein vulgärer Staatskapitalismus. Die Warenproduktion und die Lohnsklaverei wurden durch die "kommunistische" Machtergreifung nicht aufgehoben. Im Gegenteil, indem sie zu einem Bruch mit der Plünderung von China durch die Imperialisten führte, konnte nur diese Machtergreifung es ermöglichen, Kapital vor Ort zu akkumulieren und die Industrialisierung zu lancieren. Der Personenkult und der ideologische Druck, um das Volk zur Teilnahme am "Kampf an der Produktionsfront" zu drängen, führten nicht zur Eliminierung der klassischen Methoden. Allein die Werbung für Seife bezeugt es.28

Unsere lokalen Bürokraten, die von Maos "Dialektik" und der Erneuerung der Theorie durch die sogenannte Bürokratiefeindlichkeit der Kulturrevolution schwärmen, werden vom roten China genauso enttäuscht sein wie sie vom stalinistischen Russland enttäuscht wurden.

Auch wenn sich die Aktivisten in der Politik abgeschottet haben, bleiben sie dennoch soziale Individuen, die dem Einfluss ihres Milieus unterliegen. Wenn es heiß hergeht, könnten viele ins Lager der Revolution überlaufen. Man sah auch schon Gewerkschaftsdelegierte bei Entführungen eine Hauptrolle spielen! Doch die massive Fahnenflucht der Aktivisten wird aufgrund der Tatsache, dass die Räte und die rätekommunistischen Revolutionäre stärker sein werden, umso wahrscheinlicher sein. Die Bewegung kann in ihren Erfolgen durch den Nachschub an etlichen Aktivisten unterstützt werden, doch im Falle von Fehlern oder Unschlüssigkeit wird das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Die Aktivistenorganisationen werden gestärkt werden, durch die Zufuhr von Proletariern, die sich beruhigen wollen.

Die Liquidierung der Arbeiterräte wurde durch ihre Schwäche ermöglicht, ihre Unfähigkeit, in ihren Reihen die Regeln der direkten Demokratie durchzusetzen und tatsächlich die gesamte Macht zu übernehmen, indem sie alle Mächte außerhalb von ihnen zerschlugen. Die Aktivistenorganisationen sind eigentlich nur die eigene veräußerlichte Schwäche des Proletariats, die sich gegen es wendet.

Die Arbeiter werden wieder Fehler machen. Sie werden nicht sofort die richtige Form ihrer Macht finden. Je weniger Illusionen die Massen über den Aktivismus haben, desto größer ist die Chance, dass sich die Macht der Räte entwickelt. Die Aktivisten zu diskreditieren und lächerlich zu machen, ist die Aufgabe, die den Revolutionären jetzt zufällt. Diese Aufgabe wird durch die Kritik in der Praxis vollendet werden, die in der Entstehung rätekommunistischer Organisationen besteht. Diese Organisationen werden ohne Führung und bürokratischen Apparat auskommen. Als Produkt der Solidarität kämpferischer Arbeiter werden sie freie Vereinigungen von autonomen Individuen sein. Nichts wird ihnen fremder sein als die ideologische Indoktrinierung und die organisatorische Einreihung. Sie werden durch ihre Ideen aber vor allem durch ihr Verhalten in den Kämpfen zeigen, dass sie niemals Gefahr laufen, Interessen zu verfolgen, die nicht die des gesamten Proletariats sind.

Die Entwicklung des modernen Kapitalismus, die sich in der Besetzung des gesamten gesellschaftlichen Raums mit Waren, in der Verallgemeinerung der Lohnarbeit, aber auch im Verfall der moralischen Werte, in der Verachtung der Arbeit und der Ideologien äußert, wird die Heftigkeit des Zusammenstoßes erhöhen. Die Proletarier werden viel schneller und viel weiter gehen als in der Vergangenheit. Wenn früher aktivistische Organisationen für eine gewisse Zeit eine revolutionäre Rolle spielen konnten, wird das nicht mehr möglich sein. Diese Organisationen werden schnell nur noch die Möglichkeit haben, während der nächsten großen Schlachten des Klassenkampfs immer mehr auf der Seite der Konterrevolution zu stehen. Eingeklemmt zwischen dem Proletariat und der alten Welt werden sie nur überleben, indem sie letzterer als Festung dienen.

Wenn die Gewerkschaften und andere Aktivisten versuchen, die Versorgung, danach die Organisation der Produktion und die Aufrechterhaltung der Ordnung in die Hand zu nehmen, um auf die "Schwäche" des Kapitals und des Staates zu reagieren und sich in den "Dienst der Hausfrauen" stellen, müssen sie als das was sie sind behandelt werden: eine sich bildende neue Führungsschicht. Die Rätekommunisten werden dafür kämpfen müssen, dass die für besondere Aufgaben verantwortlichen Kommissionen und Delegierten allein der Generalversammlung rechenschaftspflichtig und jeder Zeit absetzbar sind. Die Mitglieder irgendeiner Organisation, welche in die Räte gewählt werden, dürfen nicht die Repräsentanten ihrer Orgsnisation sein, sie sind die Delegierten der Arbeiter. Die Räte müssen die allgemeine Macht, keine
Scheinmacht sein, die innerlich durch die Spaltung und die Versuche der Vereinnahmung der Organisationen geschwächt sind. Wir werden das Spiel der durch die Parteien in Politikerjahrmärkte transformierten russischen Sowjets oder der kommunistischen, sozialistischen, anarchistischen, trotzkistischen bewaffneten Kolonnen, welche sich während des Spanienkrieges gegenüberstanden und um Waffen und Einfluss kämpften, nicht mehr spielen. Die Räte werden alle Aufgaben, die zur Zerstörung der bürgerlichen Ordnung nötig sein werden, in die Hand nehmen und verbinden müssen und all jene als Feinde behandeln, die ihnen dieses Recht absprechen!

Fußnoten

  1. Le Grand Soir = wörtlich: "die Nacht der Nächte" oder "der große Abend" bilden im französischsprachigen anarchistisch-kommunistischen Milieu einen stehenden Ausdruck für die Revolution, den Tag des Umsturzes und der Abrechnung mit dem kapitalistischen System, der im Deutschen kein Pendant hat.
  2. Für eine Gebrauchsanweisung des situationistischen Konzepts des Détournements (Entwendung, Aneignung, Zweckentfremdung) ziehe man folgende Broschüre zu Rate: "Gebrauchsanweisung des Détournements" von Guy Debord und Gil Wolmen, Neuübersetzung als Beilage zur KSR-Broschur N°2; online: hier.
  3. Im Französischen wird diese Strömung unter dem Begriff "négationnisme" gefasst.
  4. Eine deutsche Übersetzung des Textes erschien an folgendem Ort: Kommunistisches Programm, Dezember 1978, Nr. 20, S, 1-5, Vgl. online: hier. Alle folgenden Zitate sind aus dieser Übersetzung entnommen.
  5. Bordiga selbst hat jedoch nie die geringste Kritik an diesem Text geäußert, obwohl er unter seinem Namen kursierte und später auch in der Zeitschrift seiner Organisation erschien.
  6. Vgl: marxists.org/archive/bordiga/works/2010/axelrad-obituary.htm
  7. Vgl.: marxists.org/archive/bordiga/works/1996/auschwitz-reply.htm - Axelrad wendete sich später in dem Text "Infantiler Anti-Antifaschismus" (1980) explizit und vehement gegen den von Pierre Guillaume und Dominique Blanc in "Ia Guerre Sociale" ausgebreiteten Negationismus (vgl. weiter unten). "Können wir auf diese Ausbeutung unserer eigenen Verbrechen durch die Bourgeoisie reagieren, indem wir einfach ihre Realität leugnen? Nein! Das ist dumm in jederlei Hinsicht," ("Le Proletaire, 322, Vgl. hier: libriincogniti.wordpress.com/2018/06/12/le-proletaire-infantile-anti-anti-fascism) Axelrads Tochter, Catherine, die das Unglück hatte, Pierre Guillaume zu treffen, hielt diesbezüglich fest, dass sie es sehr bereut hat, das wenige an Judo verlernt zu haben, was sie mal beherrschte, weil sie ihm liebend gerne die Fresse poliert hätte, "Man macht Geschichte nicht, indem man sie negiert. Um des zu wissen, muss man nicht mal Marxist sein." (Zitiert nach Bourrinet, Philippe: Un Sibcle de Gouche Communiste "italienne! (1915=2015). left-dis.nl/f/DictionnaireGCI.pdf) Alle Ubersetzungen von der Redaktion.
  8. Engels, Friedrich: Über den Antisemitismus (1890), in: Karl Marx / Friedrich Engels: Werke. Band 22, Berlin (Ost) 1977, fünfte Auflage, S. 49-51.
  9. Englische Original-Ausgabe: "Vichy France. Old Guard and New Order, 1940-1944", London 1972. Eine deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht.
  10. An erster Stelle zu erwähnen Maurice Bardèche, Schwager des faschistischen Schriftstellers Robert Brasillach und eine der wichtigsten Figuren in der europäischen neuen Rechten nach 1945.
  11. Der Verlag wurde von Fernand Solot gegrfindet der der "Action Francaise" nahestand. In ihm wurden Werke von Hitler und Rosenberg publiziert.
  12. In deutscher Ubersetzung als "Die Jahrhundert-Provokation - Wie Deutschland in den Zweiten Weltkrieg getrieben wurde" mit einem Nachwort des Holocaustleugners David Irving 1989 erschienen.
  13. Rassinier, Paul: Die Jahrhundert-Provokation. Wie Deutschland in den Zweiten Weltkrieg getrieben wurde, mit einem Nachwort von David Irving, Grabler-Verlag, Tübingen 1989, S. 79.
  14. Dieses befindet sich in Robert Faurissons "Mémoire en défense contre ceux qui m'accusent de falsifier l'histoire" ("Verteidigung gegen jene, die mich der Geschichtsfälschung anklagen" - keine dt. Übersetzung.) von 1980.
  15. Confédération générale du travail, eine Gewerkschaft, die traditionell eng mit der französischen Kommunistischen Partei verbunden ist.
  16. Im Original wird das Wort "militantisme" verwendet, das sich als Aktivismus, aber auch als Militantismus übersetzen ließe. Da die Formulierung des Aktivismus im Deutschen gebräuchlicher ist, wird diese hier verwendet.
  17. Der Club Méditerraneé ist ein teures französisches Tourismusunternehmen, das in den 1950er Jahren mit einem Feriendorf auf Mallorca gegründet wurde und weltweit mehrere Ferienclubs und Clubschiffe besitzt.
  18. Lenin wurde nach seinem Tod im Jahr 1924 einbalsamiert und liegt nach wie vor aufgebahrt im Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Ein Team von Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen sorgt seit nun knapp 100 Jahren für den Erhalt seiner Leiche. Zu bestimmten Fest- und Feiertagen wird seither zu dem Meusoleum gepilgert. Lenin wurde so zur wichtigsten Sehenswürdigkeit der Sowjetunion.
  19. Alain Geismar war ein Mitglied der Parti socialiste unifié (PSU) und Präsident der Professorengewerkschaft Syndicat National de l'Enseignement Supérieur et de la Recherche zu Beginn des Mai 1968. Er wurde zu einer der prominentesten Persönlichkeiten der Maibewegung. Nach deren Ende stand er der Bewegung des 22. März nahe und schloss sich Anfang 1969 der Gauche prolétarienne (GP) an, die führende Gruppe des aktivistischen Flügels des französischen Maoismus (siehe Fußnote.8). Er wurde zu einem öffentlichen Sprachrohr der GP und zu einer Berühmtheit, als er 1970 wegen Anstiftung zum Landfriedensbruch ins Gefängnis musste. Später machte er als Akademiker Karriere und wurde Berater der sozialistischen Regierung.
  20. Confédération francaise démocratique du travail, eine französische Gewerkschaftsföderation. Nach dem Mai '68 (für welchen sie mehr Sympathie hatte als die mit der kommunistischen Partei verbundene CGT) entwickelite sie enge Beziehungen zur PSU und wurde stark mit der Sache der Selbstverwaltung identifiziert. Später näherte sie sich der sozialistischen Partei (Parti Socialiste) an.
  21. Alliance des jeunes pour le socialisme (AJS), gegründet 1969 als Jugendorganisation der (lambertistischen) Organisation communiste internationaliste (OCI). Die OCI war 1968 die am meisten "altlinke" der französischen trotzkistischen Gruppen (sie war Mitglied des Internationalen Komitees der Vierten Internationale mit der Socialist Labour League von Healy, bis sie mit diesem 1971 brach). Sie schaffte das bemerkenswerte Kunststück, 1968 junge Leute aufzurufen, Barrikaden niederzureißen und trotzdem kurz danach von der Regierung verboten zu werden. Ihr junger Flilgel, die AJS, erlangte für ihren manipulativen Frontismus einen wenig beneidenswerten Ruf.
  22. Gauche prolétarienne (GP), gegründet im September 1968 von ehemaligen Mitgliedern der (marxistisch-leninistischen) Union des jeunesses communistes, eine von Althusser inspirierte maoistische Gruppe, die sich 1966 von der UEC, der offiziellen Studentengruppe der kommunistischen Partei, abegespalten hatte. Anfang 1969 schlossen sich ihr einige Mitglieder der "spontaneistischen" Bewegung des 22. März an und in den nächsten drei, vier Jahren war die GP jene Gruppe, welche von den "nichtparteilichen" aktivistischen maoistischen Gruppen am ehesten repräsentativ war. Ein Merkmal der GP war die Anzahl von "Persönlichkeiten", welche sie sowohl als Sympathisanten anzog (wie Sartre und der Verleger Maspero) als auch kreierte - in Frankreich war sie exemplarisch für die Praxis des "radical chic". Ihre organisatorische Praxis war beispielhaft für das, was später in den USA und im Vereinigten Königreich als die "Tyrannei der Strukturlosigkeit" beschrieben wurde, wie in dem berühmten Text von Jo Freeman. Von der Regierung 1970 verboten, existierte die GP weiterhin durch etliche Fronten und ein Netz=werk von Gruppen sowie durch die Versuche, andere Projekte zu kontrollieren.
  23. Ligue communiste. Die OCI (siehe Fußnote 7) repräsentierte die "alte Linke" innerhalb des Trotzkismus und die Ligue communiste die "neue Linke", basierend auf den "neuen Avantgarden" der Jugend, der Studenten, des schwarzen Nationalismus und der nationalen Befreiungsbewegungen. Der Name Ligue communiste wurde 1968 gewählt, als die Parti communiste internationaliste (PCI) und die Jeunesse communiste révolutionnaire (JCR), die von ihr kontrollierte Studentengruppe, von der Regierung verboten wurde. Als französische Sektion des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale hatte die PCI bis 1968 Entrismus innerhaldb der französischen Kommunistischen Partei praktiziert. Der Einfluss auf die offizielle Studentengruppe der Partei führte 1967 zur Gründung der JCR. Die JCR war eine der aktivsten politischen Studentengruppen während dem Mai '68 und ihr erfolgreicher Aufstieg war das Sprungbrett für die Gründung der Ligue communiste.
  24. Die Secours rouge (Rote Hilfe) wurde 1970 von einem Komitee von Aktivisten und Persönlichkeiten, darunter auch der allgegenwärtige Sartre, gegründet. Ihr Zweck war es, ein einheitliches Gremium zur Organisation der praktischen Verteidigung und des praktischen Kampfes zu sein, theoretisch kontrolliert von lokalen Vollsversammlungen. Er wurde von mehreren trotzkistischen, maoistischen und anarchistischen Gruppen unterstützt und organisierte Aktivitäten, die von Demonstrationen bis zu Versuchen praktischer Solidarität verschiedener Art reichten. In Wirklichkeit war die Secours rouge allen voran eine Initiative der maoistischen Gauche prolétarienne (GP), die in der Zwischenzeit von der Regierung verboten worden war und in Form von Netzwerken von Gruppen und Organisationen existierte, die sie entweder selbst aufgleiste oder einfach daran beteiligt war (siehe Fußnote 8). Von Anfang an bekämpften sich die verschiedenen Gruppierungen und nach und nach spalteten sich die trotzkistischen Gruppen und der linkssozialistische PSU ab und überließen den Aktivisten der ehemaligen GP die Kontrolle, bis sich der Secours rouge komplett auflöste. Die Parti socialiste unifié (PSU) war eine kleine; 1960 gegründete linkssozialistische Partei. Sehr gespalten über ihre politische Linie während der Wahlen 1969 und mit starkem Druck von Sektionen ihrer Mitgliedschaft (sie integrierte viele jüngere und militantere Neumitglieder nach dem Mai '68), entschied die nationale Koordination der Partei, im ganzen Land Arbeiter- und Bauernversammlungen einzuberufen. Das neue Element war, dass sie offen für Nichtmitglieder der Partei waren und beauftragt, Strategiedokumente für den Parteikongress in Lille 1971 zu formulieren. Nicht überraschend wurden die Versammlungen sofort zur Bühne für Kämpfe um Einfluss zwischen den diversen Fraktionen der Partei und die Texte, welche schließlich am Kongress präsentiert wurden, repräsentierten eher die Fraktionen als die "Stimme der kämpfenden Massen". Die OJTR (Organisation jeunes travailleurs révolutionnaires) war die Gruppe, welche diesen Text verfasste.
  25. "Cahiers de Mai" war eine 1968 von einigen Aktivisten aus Nantes und Umgebung gegründete Zeitschrift, die ursprünglich zum Ziel hatte, den Standpunkt der im Mai geformten Aktionskomitees auszudriicken. Als die während dem Mai '68 entstandene Bewegung verschwand, wurde die Zeitschrift ein Forum zur Diskussion und Bekanntmachung von Arbeiterkämpfen. Im Januar 1969 initiierte sie eine Debatte zum Thema "Wie können wir den Arbeitern helfen, zur revolutionären Aktion überzugehen?". In dieser Debatte waren sowohl Arbeiter als auch Aktivisten involviert. Die Publikatien der Zeit-schrift wurde 1975 eingestellt.
  26. "Humanité rouge" war die Zeitschrift der Marxistisch-leninistischen Kommimistischen Partei Frankreichs (PCMLF), eine im Dezember 1967 von einigen ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei gegründete zentralistische maoistische Partei. Im Gegensatz zur Althusser anhängenden UJCML, welche sich von der Studentengruppe der KP abspaltete und das Sammelbecken für die "parteilose" maoistische Strömung wie die Gauche prolétarienne (siehe Fußnote 8) war, bestand die PCMLF vor allem aus Ultra-Stalinisten, die ablehnten, was sie den "Revisionismis" der KP nannten. Aktiv im Mai '68 wurde sie wie viele andere Organisationen danach verboten und arbeitete fortan klandestin. Die Zeitschrift "Humanité rouge" wurde zu ihrem öffentlichen Gesicht und Namen.
  27. Die Confederacion Nacional del Trabajo (CNT) wurde 1910 in Barcelona als anarchosyndikalistische Gewerkschaftsföderation gegründet. Während des Spanischen Bürgerkriegs war sie eine der wichtigsten Protagonistinnen im Widerstand gegen General France. Die Federacion Anarquista Iberica (FAI) war während des Spanischen Bürgerkriegs der militante revolutionäre Arm der CNT und drängte diese zur Aufrechterhaltung der sozialrevolutionären Ausrichtung. Beide Organisationen existieren noch heute.
  28. In der Originalbroschüre ist an dieser Stelle eine entsprechende Abbildung. Chinesische Werbung für eine Seifenmarke.