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Kunst, Spektakel & Revolution N°9 ist erschienen!

Thesen zum Stützpunkt

Club Communism

Der folgende Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Textes von 2014, der in der Thüringer Zeitschrift »Lirabelle« erschienen ist .1 Er sollte damals und soll weiterhin eine Reflexion über politische Praxis der radikalen Linken und ihre Strukturen anstoßen. Seine thesenhaften Überlegungen bildeten einen ersten Versuch, Gedanken zum Thema »Stützpunkt« auszuformulieren, die auf eine ausstehende Bestimmung des Begriffs in einem breiteren Kontext als unserem Club zielen. Dabei geht es vor allem um die Auseinandersetzung und Abgrenzung zu Freiraumkonzepten, für ein besseres Verständnis der Möglichkeit und Unmöglichkeit politischer Praxis in den gegenwärtigen Verhältnissen. Diese überarbeitete Fassung beruht auf Anregungen, die wir in der Diskussion der Thesen erhalten haben.

I. STÜTZPUNKTE SIND EIN MITTEL REVOLUTIONÄRER PRAXIS IN WENIGER REVOLUTIONÄREN ZEITEN.

Ausgangspunkt aller politischen Praxis ist das Scheitern der wirklichen Bewegung, des Kommunismus, in der Vergangenheit und Gegenwart. Weder sind die zentralen Aufgaben kommunistischer Praxis durch die historischen Bewegungen — ob sie nun unter der Flagge des Kommunismus segelten oder nicht — bewältigt, noch befinden wir uns jetzt gerade und hier in einer revolutionären Situation. Die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die Überwindung rassistischer und nationalistischer Spaltungen, die Auflösung der patriarchalen Geschlechtercharaktere — sie alle sind noch unabgegoltene Aufgaben. Kommunismus ist für uns dabei kein Zustand, der irgendwie und irgendwann betreten werden kann; der Kommunismus ist die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen gesellschaftlichen Zustand aufhebt. Dass unter den aktuellen Bedingungen mit ihren breit diagnostizierten ökonomischen, ökologischen und politischen Krisenphänomenen keine Revolution aufscheint, zeugt von der allgemeinen Schwäche der linksradikalen Bewegung. Eine Flucht in den Voluntarismus, der die Bedingungen für eine kommunistische Revolution allein in dem individuellen Willen der_des Einzelnen verortet, bleibt aber falsch, denn die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus den jetzt bestehenden Voraussetzungen. Auch wenn diese Voraussetzungen derzeit insgesamt als nichtrevolutionär — oder optimistischer: als vorrevolutionär — zu erkennen sind, sind sie zugleich zeitlich und regional sehr unterschiedlich. Sie unterscheiden sich zwischen Stadt und Land und Region: So ist die Antifa in der Thüringischen Provinz in der Defensive und muss sich gegen prügelnde Nazis wehren, während die kommunistische Bewegung in Berlin andere Voraussetzungen hat und damit auch eine andere Politik machen muss und macht, wie beispielsweise der Kampf um Wohnraum oder um den Erhalt bestimmter Flächen für den öffentlichen Gebrauch. Diese verschiedenen politischen Praktiken konkurrieren nicht miteinander, sondern müssen über einen Begriff kommunistischer Praxis und eine verbindende Analyse der herrschenden Verhältnisse als Teile der gleichen aufhebenden Bewegung begriffen werden.

Ein Baustein dieser Praxis in dieser nichtrevolutionären Situation — in der Thüringer Provinz wie in der Großstadt — sind für uns dabei Stützpunkte als ein Mittel, um die Möglichkeit der Aufhebung der kapitalistischen Totalität voranzutreiben. Der Begriff Aufhebung in seinem Dreiklang aus Emporheben, Negieren und Erhalten verweist darauf, dass dieser Prozess aus der Gesellschaft heraus erfolgt, gegen diese gerichtet ist sowie ihr Gutes erhalten und es gegen das noch Schlechtere verteidigen muss. Ziel ist also sowohl die Analyse und die praktische Kritik des Bestehenden — der Gesellschaft außerhalb wie innerhalb von uns — als auch die radikale Aufklärung und widerständige Subjektivierung, um einen Zustand zu schaffen, der uns eine Umkehr zu den schlechten Verhältnissen unmöglich macht.

Stützpunkte könnten dann Ausgang revolutionärer und kollektiver politischer Praxis sein: Sie sollen das gewählte und dienliche Mittel sein, um die Revolution anzustoßen — das ist ihr Maßstab, an dem sie sich zu bewähren haben.

II. STÜTZPUNKTE SIND RÄUME IM WEITEN VERSTÄNDNIS.

Nicht jede politische Praxis ist in sich ein Stützpunkt. Stützpunkte bieten die Ressourcen für eine politische Praxis, die über sie hinaus geht, und sind daher eine Form der Praxis in nichtrevolutionären Zeiten, in denen kommunistische Praxis nicht die Umwälzung der gesamten Gesellschaft bedeutet. Stattdessen stellen Stützpunkte eine materielle Infrastruktur zur Verfügung. Ihre Materialität kann vielfältige Formen annehmen, sie dürfen nicht einfach mit besetzten Häusern gleichgesetzt werden. Welche konkrete Gestalt ein Stützpunkt annimmt — ob den einer Zeitschrift (wie der Kunst, Spektakel & Revolution), einer Kneipe, eines Ferienlagers, einer Universität, eines Servers, besetzter Häuser oder Räume, Radios, Blogs usw. —, ist eine Frage, die sich aus der Analyse des Bestehenden und der sich aus ihr abzuleitenden Strategie ergibt. Aufgrund ihrer Räumlichkeit und Materialität sind sie in jeder ihrer Formen verortbar, wodurch sie zugleich angreifbar werden. Bei vielen Stützpunkten ist diese Räumlichkeit offensichtlich, aber auch ein Server oder Blog haben einen Standort, an dem sie zerstört werden können, und es gibt Personen, die sich um Server und Blogs kümmern und die irgendwo wohnen.

Da Stützpunkte den Ausgangspunkt und die Plattform weiterer Praxis bieten, verfügen sie über ein Innen und konstituieren eine eigene — wenngleich zumeist sehr kleine — Öffentlichkeit. Dies ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Diese Öffentlichkeit erlaubt, dass sich im Stützpunkt eine Praxis entfalten kann, die über die bloße Existenz des Stützpunkts hinaus geht, aber auch, dass die derzeitigen Verhältnisse in allen ihren Problemen nicht ausgeschlossen sind, sondern auch innerhalb des Stützpunktes bestehen: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und alle Beschädigungen des Kapitalismus finden auch innerhalb des Stützpunktes statt, können in ihm aber anders thematisiert, reflektiert und bekämpft werden als außerhalb von ihm. Der Stützpunkt ist daher so zu gestalten, dass diese Öffentlichkeit ihre Thematisierung, Reflexion und Bekämpfung begünstigt und nicht — wie derzeit so oft — erschwert.

III. DIE MERKMALE EINES STÜTZPUNKTES SIND VORRANGIG VON AUSSEN BESTIMMT.

Neben bestimmten Ressourcen bringt ein Stützpunkt immer auch bestimmte Beschränkungen mit sich. Zum Beispiel bringen Ferienlager Menschen nur wenige Wochen zusammen und Kneipen müssen sich den rechtlichen Bedingungen des Fiskus und der Gesundheitsbehörde anpassen. Ein Stützpunkt ist verort- und damit angreifbar, kann Widerstand befrieden, er kann seine Rolle als revolutionäres Mittel verlieren und Mittel der kapitalistischen Reproduktion werden.

So vielfältig die politischen Kämpfe, so vielfältig sind auch die jeweiligen Gefahren der Stützpunkte. Natürlich sind alle Stützpunkte vom autoritären Auftreten des Staats, Angriffen politischer Gegner_innen, Wirtschaftskrisen oder Epidemien betroffen. Wie sie aber im einzelnen betroffen sind, lässt sich nur konkret unter Berücksichtigung der spezifischen Situation des Stützpunkts bestimmen. Stützpunkte wie Zeitschriften etwa sind von den gleichen technischen und sozialen Veränderungen betroffen wie andere Printmedien, während Social Media vielfach als unkontrollierte Stützpunkte verwendet werden, ohne dass ihre Form politisch reflektiert wird. Dabei gilt es nicht nur, die staatliche Regulierung und Kontrolle des Internets und die ökonomischen Interessen an Datensammlung und Auswertung durch die Konzerne, die die Infrastrukturen bereitstellen, zu berücksichtigen. In die technische Grundlage, vor allem aber die Verwertungsinteressen verwoben sind auch bestimmte Kommunikationsweisen, eine zunehmende Bildhaftigkeit politischer Inhalte, die zweckmäßig auf 280 Zeichen oder jpg-Dateien reduziert werden müssen. Herausfordernd ist auch, dass analoge Stützpunkte in den Städten häufig in die gleichen Kämpfe gegen steigende Mieten gestellt sind wie alle anderen Mieter_innen auch, während im ländlichen Raum um Sichtbarkeit, aber auch etwa um Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Nahverkehr gekämpft werden muss.

IV. STÜTZPUNKTE SIND KEINE FREIRÄUME.

In der Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse gibt es keine Freiräume im Sinne eines Außerhalb der Gesellschaft gelegenen oder nicht von ihr durchdrungenen Raums. Die Menschen selbst sind zu stark von ihr geformt, als dass sie sich ihrer Prägung entziehen könnten: Es besteht eine unhintergehbare Eingebundenheit in die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse.

Das bedeutet, dass das Innen des Stützpunktes, seine eigene Öffentlichkeit, keine Gegenöffentlichkeit in dem Sinne ist, dass sie frei von der Gesellschaft ist oder sie bloß negiert. Stattdessen ist sie als eine Öffentlichkeit zu begreifen, die keinen Freiraum konstituiert, sondern einen umkämpften Raum mit anderen Kampfbedingungen darstellt, einen Raum, der Ressourcen für diese emanzipatorischen Kämpfe bereitstellt.

Das bedeutet auch, dass kein sich selbst zum Hort der Emanzipation erklärender Stützpunkt eine Umgebung bieten kann, in der sich Menschen erst radikalisieren, um danach hinaus zu gehen und ›draußen‹ Veränderungen anzustoßen. Ein Stützpunkt kann für Leute, die sich an der Widersprüchlichkeit der Gesellschaft radikalisiert haben, ein Ort sein, um diese Radikalisierung auszudifferenzieren und zu reflektieren sowie gemeinsam mit anderen zu überlegen, wie mit diesen Erfahrungen umzugehen ist und welche politischen Praktiken daraus resultieren. Ein Stützpunkt kann aber keine Inkubationskammer für den ›neuen Menschen‹ sein, also ein Ort, an dem außerhalb der Gesellschaft linksradikale Leute durch Training hervorgebracht werden, die nach diesem Training die Avantgarde der politischen Praxis bilden. Das bedeutet auch, dass die kommunikative Taktik, den Stützpunkt und seine Nutzer_innen in besonders radikalen Farben zu malen, mit großer Vorsicht zu verwenden ist — allzu leicht befriedigt sich unser identitäres Bedürfnis an dieser Pseudoradikalität und verstellt den Zugang zur Reflexion der gesellschaftlichen Prägung ebenso wie zu unserer zu überwindenden Ohnmacht.

V. STÜTZPUNKTE SIND NICHT PER SE REVOLUTIONÄR.

Als Stützpunkt verstanden und organisiert, haben die konkreten Räume zunächst eine spezifische Form, die sich auf ihren Inhalt auswirkt, garantiert aber keine revolutionäre Praxis. Es gilt hier die konkrete Potentialität eines Stützpunktes herauszuarbeiten. Mit seiner Aktualität oder besser: mit seiner konkreten Gestaltung steht und fällt seine Bedeutung für eine progressive Politik, denn auch politische Feinde haben Stützpunkte. Der Stützpunkt selbst kann eine Revolution nicht herbeiführen — das ist eine Frage der Praxis, die von ihm ausgeht. Dies bedeutet auch, dass der Stützpunkt in sich eine gewisse Veränderbarkeit behalten muss, um auf von außen kommende Bewegungen — seien es emanzipatorische oder revolutionäre Impulse aus anderen gesellschaftlichen Bereichen, seien es Binnenverschiebungen innerhalb des Terrains der bestehenden Verhältnisse — reagieren und gegebenenfalls transformieren zu können.

Es bietet sich an, erstens zwischen kontrollierten und nicht-kontrollierten Stützpunkten zu unterscheiden. Stützpunkte im engeren Sinne können als kontrollierte Stützpunkte verstanden werden, die wir nach unseren Zielen und Strategien gestalten. Dort können wir unsere eigenen politischen Mindeststandards durchsetzen. Nicht-kontrollierte Stützpunkte stehen demgegenüber verschiedensten Menschen, wenn auch nicht allen Menschen, offen — wie sich zum Beispiel an den Zugangsbeschränkungen der Universität oder eines Ferienlagers zeigt.

Zweitens kann man zwischen adressierbaren und klandestinen Stützpunkten unterscheiden, also solchen, die zugänglich und damit auch angreifbar sind — die eine Adresse oder ein Impressum haben — und solchen, die nur Eingeweihten bekannt sind (ein privater Treffpunkt etwa) oder die ihre materielle Basis verschleiern, um sich vor Repression zu schützen (im Geheimen produzierte Zeitschriften oder entsprechend technisch abgesicherte Blogs), ohne dass ein Angriff auf sie deswegen ausgeschlossen werden kann. Die Frage nach kontrollierten/nicht-kontrollierten und adressierbaren/klandestinen Stützpunkten ist dabei eine strategische: Was erfüllt seine Funktion unter den herrschenden Bedingungen in Hinblick auf deren Aufhebung eher?

VI. STÜTZPUNKTE SIND EINE STRATEGIE.

Stützpunkte sind Teil der gesellschaftlichen Kämpfe, daher müssen sie ihre eigene Stellung in diesen reflektieren und sich in ihnen selbst verorten. Stützpunkte sind immer umkämpft: durch ihre äußere Bedrohung, als auch in ihrer inneren Gestaltung, da die aktiven Menschen und ihre Organisationszusammenhänge selbst widersprüchlich sind. Und selbst Theorie und Praxis stehen im Widerspruch miteinander und müssen sich selbst wechselseitig kritisieren. Der Begriff »Stützpunkt« verweist mit seiner militärisch-kämpferischen Konnotation auf seinen strategischen Aspekt, ohne dass er den Kampf heroisieren soll — der Stützpunkt ist gegenwärtig leider ein notwendiges Mittel für eine progressive Bewegung. Die Prozesshaftigkeit von Stützpunkten zeigt sich darin, dass sie gleichzeitig immer gefährdet und prekär sind. Sie wandeln sich in ihrer Nutzung, müssen verteidigt, ausgebaut und immer wieder neu erstritten werden. Alle diese Momente verweisen auf die Notwendigkeit eines strategischen Vorgehens unter den herrschenden Bedingungen. Auch Rückzüge können strategisch notwendig sein, wenn die Belastungen durch Repressionen o.ä. zu hoch sind, wenn ein Stützpunkt nicht mehr den Nutzen bringt, der mit ihm erreicht werden sollte, wenn sich die Bedingungen seiner Notwendigkeit oder die eigene Analyse verändert haben. Die Verwirklichung der eigenen politischen Ziele voranzutreiben, rechtfertigt aber keinesfalls jedes Mittel. Ein Rückfall hin zu den schlechten Praxen einer absoluten Mittel-Rechtfertigung wie etwa im Leninismus oder bei der RAF gilt es zu verhindern. Die Praxis muss sich am eigenen Maßstab der Kritik messen lassen und wird immer kritisierbar sein.

EXKURS: DAS PROBLEM DES MILITÄRISCHEN

Der Begriff des Stützpunktes hat eine eindeutig militäriche Konnotation, die ihn problematisch macht, da mit ihm keine militärischen Doktrinen reproduziert oder der bewaffnete Kampf heroisiert werden sollen. Das Unbehagen am Begriff ist aber wichtig, weil es darauf verweist, dass es keinen widerspruchsfreien Anschluss an diesen geben kann und er deshalb keine positive Identifikationsgrundlage ist, sondern nur eine jeweils aktuelle Bedingung der Möglichkeit einer kommunistischen Politik. Trotz der Gefahr der Selbstheroisierung — denn wo gekämpft wird, sind Opfer zu erwarten — unterstreicht er aber zum einen die Wichtigkeit, sich ausreichend über geeignete Strategien für eine kommunistische Politik Gedanken zu machen und nicht einfach irgendetwas zu tun — es steht mit unserer Praxis tatsächlich etwas auf dem Spiel, weil die Gesellschaft wie bisher einfach nicht weitergehen darf. Zum anderen unterstreicht der Begriff, dass kommunistische Politik in einem ihm feindlichen Umfeld agiert und deshalb immer gefährdet ist.

VII. STÜTZPUNKTE HABEN EINEN ›EIGENSINN‹.

Aufgrund ihrer spezifischen Verortung und Materialität haben Stützpunkte einen ›Eigensinn‹. Dies bedeutet, dass sie eine bestimmte Politik nahelegen und andere ausschließen bzw. sich diesen widersetzen. Die Reflexion theoretischer Überlegungen fällt in einer Zeitschrift beispielsweise auf Grund ihrer abstrahierenden Schriftform leichter, als die Reflexion praktischer Politik, die in einem Text erst beschrieben werden muss und deren Beschreibung ein Teil der Praxis immer entgeht. In den Artikeln oder Diskussionen der Redaktion dieser Zeitschrift fände die Reflexion des Sexismus innerhalb des Stützpunkts eine andere Form als in einem Technoclub mit politischem Anspruch. Dieser Eigensinn ist — wie die Merkmale des Stützpunkts insgesamt — stark geprägt von seinem Außen, zu dem auch seine Einbettung in eine politische (oder subkulturelle) Szene gehört, aber auch von seiner eigenen Geschichte und davon, welche Funktion der Stützpunkt einnehmen soll, wer ihn nutzen kann und soll usw. Der Stützpunkt und seine Möglichkeiten für eine kommunistische Praxis unterliegen also mit der Zeit einem Wandel, und es ist möglich, dass Stützpunkte einen Ballast ansammeln, der die Ressourcen, die er bereitstellt, mit der Zeit neutralisiert, sodass die Praxis, die von ihm ausgeht, bloßer Selbstzweck wird. Dann steht der Stützpunkt zur Disposition und es muss sich gefragt werden, welche Bedeutung der Stützpunkt überhaupt noch in der eigenen politischen Praxis einnehmen kann.

VIII. STÜTZPUNKTE SIND TEMPORÄR UND WIDERSTREBEN IDENTIFIKATIONEN.

Wir haben bereits geschrieben, dass Stützpunkte eine kommunistische Strategie in weniger revolutionären Zeiten sind — darin liegt ihr Zweck. Deshalb zielen sie auf ihre eigene Abschaffung durch die Revolution, die sie obsolet werden lässt; dementsprechend sollte sich auch nicht mit dem Stützpunkt identifiziert werden. Es besteht eine Identifikationsgefahr, weil mit Stützpunkten auch immer wichtige Erfahrungen gemacht werden, dort neue Freund_innen kennen gelernt werden können, und gemeinsame Aktionen kollektive Handlungsfähigkeiten ermöglichen, die notwendig für eine kommunistische Politik sind. Ein Moment der Identifikation ist unabwendbar und notwendig in dem Sinne, als dass eine Widerständigkeit häufig genau dann entsteht, wenn wir an etwas festhalten, etwas verteidigen, was durch herrschende Tendenzen bedroht wird. Diese Identifikation kann jedoch dazu führen, dass Stützpunkte zu einem Selbstzweck werden und sich nicht mehr nur an der eigenen Strategie orientieren. Eine Folge ist dann beispielsweise, dass Stützpunkte weiter geführt und verteidigt werden, obwohl sich ihre Bedeutung in einer kommunistischen Politik gewandelt hat, sie gegenwärtig nicht mehr gebraucht werden oder wichtigere Strategien behindern. Um diese Dominanz der Identifikation über die Strategie zu verhindern, müssen Stützpunkte als temporär verstanden werden, wobei ihre Zeit ganz unterschiedlich lang sein kann, von wenigen Stunden über Tage bis hin zu Jahrzehnten. Wie bereits erwähnt, wäre es aber ebenso verkehrt, jede politische Aktion schon als einen Stützpunkt zu verstehen. Stützpunkte sollen eine weitere Praxis ermöglichen, in dem sie Ressourcen bereitstellen. Also brauchen sie eine Form der Institutionalisierung, jedoch keine feste und permanente um jeden Preis.

Die notwendige Abkehr von Stützpunkten als Selbstzweck eröffnet den Blick darauf, dass bei Aufgabe eines Stützpunktes nicht sofort sein ursprüngliches Potential oder seine Ressourcen komplett verschwinden. Vielmehr können diese transferiert werden oder schlummern, bis sie vielleicht wieder gebraucht werden. Selbst der angesprochene Ballast kann zu einer Ressource werden, die es erlaubt, Entwicklungen zu reflektieren und ihre Wiederholung zu vermeiden. Dazu ist es allerdings nötig, diese Ressourcen zu sichern und zugänglich zu halten, beispielsweise Erfahrungen und praktisches Wissen zu verschriftlichen. Die Vermittlung dieser Erfahrungen und dieses Wissens ist dabei selbst ein essentieller Bestandteil kommunistischer Praxis — und das Archiv damit eine zentrale Funktion von Stützpunkten.

IX. STÜTZPUNKTE ERÖFFNEN DIE MÖGLICHKEIT FÜR ERKUNDUNGEN.

Gesellschaftliche Zwänge wirken überall, jedoch in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich. Stützpunkte entziehen sich bestimmten Zwängen, indem sie vielfältige Ressourcen zur Verfügung stellen wie Zeit, Räume, Ausrüstungen, Geld und/oder Anderes. So eröffnen sie neue Möglichkeiten und Freiheiten. Sie bieten zum Beispiel neue und größere Offenheiten zur Umsetzung neuer Praxisformen und sozialer Beziehungen als auch die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, mehr zu schlafen oder zu feiern. Diese Möglichkeiten sind zwar nicht alle an sich schon revolutionäre Akte, sie treiben auch oftmals die Reproduktion des Kapitalismus voran, doch sind sie unter bestimmten Voraussetzungen der Vorbereitung der Revolution dienlich, da sie die Möglichkeit für Erkundungen der Gesellschaft, der kollektiven Praxis und des Selbst schaffen.

Die Idee einer kommunistischen Praxis der Erkundungen übernehmen wir von der Situationistischen Internationale. Unter Erkundungen verstehen wir eine Praxis, die darauf ausgelegt ist, Erfahrungen davon zu machen, wie die Gesellschaft jede_n Einzelnen prägt und was die eigene Lebensumgebung mit jemandem alles macht, um von dort neue Lebensweisen und Praktiken zu entwickeln oder bestehende zu hinterfragen. Die eigene Lebensumgebung umfasst dabei alles, von anderen Mitmenschen bis zur Architektur und dem Aufbau eines Ortes. Erkundungen sind deshalb ebenso vielfältig: Im Spazierengehen durch Orte und Landschaften, im Reisen, Lesen, Musikmachen, Spielen, Tanzen, Freundschaften und Liebesbeziehungen. Zu Erkundungen werden diese Praktiken aber erst, wenn sie bewusst als solche ergriffen und gestaltet werden.

Offen sind Erkundungen, weil nicht von vornherein klar ist, was genau passieren wird, ob und welche Erfahrungen gemacht werden können. Erkundungen legen bestehende Routinen, Verhaltensweisen, Räume, Beziehungen, Vorstellungen, Bedürfnisse, Wahrnehmungen oder Gefühle offen und hinterfragen sie zugleich. Hätten Erkundungen vorher klar definierte Ziele, wären die möglichen Erfahrungen und Effekte, erstens, zu sehr beschränkt auf das, was vorher schon klar ist, und würden damit, zweitens, zu opportunistisch, zwanghaft und voluntaristisch sein. Gerade in diesen offenen und dennoch bewusst gestalteten Auseinandersetzungen in Erkundungen lassen sich neue Erfahrungen machen und von diesen aus neue Beziehungsformen oder auch politische Praktiken entwickeln und ausprobieren. Eine Erkundung hat immer auch etwas von einem Spiel mit der gesellschaftlichen Umwelt.

In diesem Sinne haben Erkundungen zudem Ähnlichkeiten mit Experimenten und dem Experimentieren. Der wichtige Unterschied besteht jedoch darin, dass beim Erkunden nicht angenommen wird, dass äußere gesellschaftliche Einflüsse draußen gehalten und dass so etwas wie reine Ergebnisse hervorgebracht werden könnten. Erkundungen sind niemals rein, sondern immer noch von der Gesellschaft, die es zu überwinden gilt, geprägt. Sie können die gesellschaftlichen Bedingungen jedoch hinterfragen und auf diese Weise zu ihrer Überwindung beitragen.

X. STÜTZPUNKTE SIND PLURAL, ABER NICHT LIBERAL.

Stützpunkte müssen für die Möglichkeit der Revolution parteiisch sein. Daher kennzeichnet sie Vielfalt und Beschränkungen gleichermaßen. Indem in ihnen nicht alles toleriert wird, wenden sie sich kritisch gegen einen Offenheits- und Freiheitsfetisch. Der Zwang zur Offenheit imaginiert die Möglichkeit des guten Handelns im Schlechten. Stattdessen kann es strategisch notwendig sein, Schließungen bspw. gegen Nazis, Sexist_innen oder zum Schutz vor staatlichen Repressionen sowie für eine ruhige Arbeitsatmosphäre oder zur Erholung zu produzieren. Dennoch können sie nach strategischen Kriterien offen sein für bestimmte Menschen, die in der Sache für eine progressive Politik eintreten und damit Verbündete sind, ohne gleich auch Kommunist_innen sein zu müssen. Nach strategischen Gesichtspunkten ist auch zu entscheiden, ob Stützpunkte eine Plattform sein sollen, also ob vielen Nicht-Revolutionären Zugang zu Stützpunkten erleichtert wird, um Diskussionen außerhalb des eigenen Organisationszusammenhangs und die Bündnisarbeit anzustoßen.

Fußnoten

  1. In der Lirabelle #4, März 2014. Er knüpfte dabei lose an die Beiträge zu autonomen Freiräumen von Ox Y. Moron (S. 22–27) und Jens Störfried (S. 41–45) in der Lirabelle #3 an. Seit seinem Erscheinen konnten wir den Beitrag in verschiedenen Städten (Jena, Erfurt, Hamburg, Rostock, Schwerin, Dresden) diskutieren. Er ist eingebettet in andere Auseinandersetzungen in der Lirabelle — etwa zum Theorie-Praxis-Verhältnis (durch uns durch einen Beitrag von Simon Rubaschow in der Lirabelle #2, S. 17–21) — und unseren Diskussionen zu Hausbesetzungen, Gegen-/Bildung sowie Erfahrung und Erlebnis in politischer Praxis in den Jahren 2013–2019 (siehe dazu clubcommunism.wordpress.com unter ›Artikel‹, ›Gespräche & Interviews‹ und ›Veranstaltungen‹).