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Kunst, Spektakel & Revolution N°9 ist erschienen!

Kritik der Aktivismus-Kritik
Anmerkungen zum Text „Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung“

Lukas Holfeld

Als Beilage der achten Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution haben wir 2023 eine überarbeitete Übersetzung des Textes »Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung« der Gruppe Organisation des jeunes travaileurs révolutionnaires (OJTR) von 1972 gedruckt. Der Text schien uns einerseits eine gute Ergänzung zu einer Kritik der bürgerlichen Öffentlichkeit zu sein (was der thematische Schwerpunkt von KSR N°8 gewesen ist) — ist es doch der Aktivismus, der um die Aufmerksamkeit dieser Öffentlichkeit buhlt und sich dabei oftmals den ihr eigentümlichen Spielregeln und Funktionsweisen unterwirft. Die Wiederveröffentlichung des Textes ist andererseits in eine Zeit gefallen, in der innerhalb der radikalen Linken aufgeregt über das vermehrte Auftauchen sogenannter »roter Gruppen« diskutiert wurde, die als eine seltsame Wiederkehr der verschiedenen K-Gruppen erscheinen. Gegenüber diesem autoritären Revival innerhalb der Linken scheint der Text von OJTR ein gutes Rüstzeug zu bieten: verspricht er doch, nicht einfach nur die Macken und Verwirrungen der stalinistischen, maoistischen, trotzkistischen … Gruppen zu denunzieren, sondern unter dem allgemeineren Begriff des Aktivismus ihnen allen gemeinsame Mechanismen aufzuzeigen und einer Kritik zu unterziehen. Dass die Reaktionen des anti-autoritären Milieus auf die »roten Gruppen« selten auf einer begrifflich-inhaltlichen Ebene angesiedelt sind und stattdessen um so öfter auf gefühlte Gewissheiten der etablierten Szene rekurrieren, die beinahe panisch verteidigt werden, mag ein Anhaltspunkt dafür sein, dass diese Szene mit den vermeintlich neuen Erscheinungen mehr gemeinsam hat, als man sich eingestehen mag. Vielleicht, weil es sich nur um Binnendifferenzierungen innerhalb des aktivistischen Milieus handelt. Die OJTR wollte damals eine Front jenseits der aktivistischen Gruppen aufmachen, zu denen sie nicht zuletzt sogar den Anarchismus zählte. Sie bezog sich stattdessen auf die Arbeiterräte und ihr schwebten rätekommunistische Organisationen vor, »die ohne Führung und bürokratischen Apparat auskommen«. Aber ist damit alles gesagt? Oder ist das Verworrene der Organisationsdebatten nicht auch bei der OJTR wieder zu finden? In der Hoffnung, dass es relevant für künftige Auseinandersetzungen ist und es sich nicht einfach nur um sektiererisches Klein-Klein handelt, sollen hier noch einmal einige Gedanken zum Text der OJTR nachgereicht werden.

KRITIK DES AKTIVISMUS

Der Aktivismus wird von der OJTR als eine Haltung beschrieben, die verkehrt ist im Verhältnis des Aktivisten zu sich selbst und zum Proletariat. Der Aktivist geht in seiner Tätigkeit nicht von dem aus, was er in der Welt erfährt und nicht vom eigenen Leiden, sondern von äußeren Gründen — er ist moralisch empört über das, was in der weiten Welt passiert, über einen allgemeinen Zustand, über das, was Anderen widerfährt. Dementsprechend zielt seine Tätigkeit auch auf die Befreiung Anderer — er zählt sich nicht selbst zu den proletarischen Massen, die vielmehr als Objekt umworben, überzeugt, gewonnen und betreut werden müssen. Dadurch, dass es um die Befreiung Anderer geht, bekommt die Rolle des Aktivisten eine besondere Stellung: Einerseits hat er eine Art Ehrfurcht vor den wahren Proletariern, von denen er sich entfernt und entfremdet weiß, andererseits erhebt ihn wieder sein Aktivismus, da er als Aktivist um die Notwendigkeiten der Sache und die höheren Interessen des Proletariats weiß. Diese Gleichzeitigkeit von schlechtem Gewissen und eigener Überhöhung führt zu einer Reihe von Mechanismen, die fester Teil des Aktivismus sind: Einerseits eine fast religiöse Opferbereitschaft und Unterwürfigkeit gegenüber der höheren Sache, andererseits die Festschreibung einer Hierarchie, die in der Stellvertreterfunktion besteht. Neben religions-ähnlichen Verhaltensweisen (missionarischer Eifer, Bezug auf heilige Texte) werden so auch Mechanismen Teil des Aktivismus, die denen der Lohnarbeit ähnlich sind: Quantitative Messung von Leistungen, chef-ähnliche Hierarchien, eine gewisse Manager-Haltung.

Dass an der Analogisierung von Aktivismus und Lohnarbeit etwas dran ist, sollte auffallen, wenn man sich die Entwicklung der aktivistischen Szene in Deutschland anschaut: Viele Antifa-Aktivist:innen der frühen oder mittleren 2000er Jahre haben inzwischen bezahlte Stellen bekommen, die durch staatliche Demokratie-Förderungsprogramme finanziert werden. Was sie früher als Freizeitaktivismus betrieben haben, tun sie heute als Lohnarbeit — nur, dass die Finanzierung ihrer Stellen davon abhängt, dass sie nicht allzu radikale Töne anschlagen. So wichtig die Beratungsarbeit etwa für Betroffene rechter Gewalt auch ist — die Perspektive der Selbstorganisierung geht darin aber tendenziell verloren und der antifaschistische Abwehrkampf besteht dann vor allem in der Aufrechterhaltung der finanziellen Förderung, die man von der Politik einfordert. Ein anderes Beispiel: Das Organizing in gewerkschaftlichen Kontexten, das letztlich bedeutet, dass die Gewerkschaften ihre Basisorganisationsarbeit an kleine, aktivistische Firmen outgesourct haben. Der gewerkschaftliche Aktivismus wird nun als bezahlte (Schein-)Selbständigkeit betrieben, die aktivistischen Arbeitskräfte sind flexibel an verschiedenen Orten, an denen es von Zeit zu Zeit notwendig wird, einsetzbar. In beiden Fällen geht es um die Beratung oder Organisierung von Anderen — wobei man bereit ist, Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen, die, würde man sie bei diesen Anderen erkennen, zu berechtigter Empörung führen würden. Im gewerkschaftlichen Kontext ist dies geradezu ein performativer Selbstwiderspruch.

ALLE MEINE WÜNSCHE

Der positive Fluchtpunkt der Aktivismus-Kritik der OJTR besteht meines Erachtens in Folgendem: Anstatt sich über äußere Missstände in der Welt zu empören, muss der Ausgangspunkt der Befreiung die eigene Leiderfahrung sein. Dies ist der Impuls, die Bedingungen des eigenen Leidens zu analysieren — es ist nicht zufällig sondern systemisch bedingt. Es ist gleichzeitig der Ausgangspunkt, sich mit anderen zusammen zu tun, die eine ähnliche Erfahrung machen, mit denen ich also Interessen teile. Die Bedingung der Befreiung liegen nicht irgendwo anders, sondern in der Sphäre des Alltagslebens, in der mir das eigene Leid widerfährt. Ausgangspunkt der Organisierung ist also eine Analyse der eigenen Klassenposition, der eigenen Reproduktionsbedingungen und die Frage, welche Mittel mir in meinem Umkreis zur Verfügung zu stehen, um mich zusammen mit denen, denen ich dort begegne, gegen die Zumutungen wehren zu können. In der Ausweitung dieser Bestrebung wird ein zunächst kleiner, isolierter Teil der Klasse weiteren Klassenfraktionen begegnen, die gemeinsam weitere Mittel der Auseinandersetzung erproben — perspektivisch bis die Selbsttätigkeit der Mehrheit des Proletariats erreicht ist. Die organisatorischen Notwendigkeiten, die in diesem Versuch liegen, werden immer wieder zum Ausgangspunkt der Bestrebung zurückgeführt: Sie finden ihren Maßstab darin, dass es um die eigene Befreiung geht.

Das scheint mir der wesentliche Ansatzpunkt zu sein, den die OJTR dem Aktivismus entgegensetzt und den ich für richtig halte. Doch in dieser Aktivismus-Kritik ist auch ein Mystizismus revolutionärer Subjektivität angelegt. Immer wieder stellt die OJTR fest, dass die Tätigkeit der Aktivisten von den eigenen Wünschen getrennt ist. In der Freilegung der eigenen Wünsche und in ihrer direkten Befriedigung scheint für die OJTR ein revolutionäres Potential zu liegen. Darin ist vorausgesetzt, dass meine subjektiven Wünsche mit den Interessen des Proletariats identisch sind. Für die OJTR sind die Wünsche das Medium, in dem die Trennung von Subjektivität und Objektivität aufgehoben wird: »Was ist Subjektivität anderes als der Rest Objektivität, das, was eine auf der kommerziellen Reproduktion basierende Gesellschaft nicht integrieren kann?« Und weiter: »Die revolutionäre Tätigkeit, genau wie die Welt, die sie andeutet, überwindet die Trennung zwischen Objektivität und Subjektivität. Sie macht die Subjektivität objektiv und nimmt subjektiv die objektive Welt in Beschlag. Die proletarische Revolution ist der Einbruch der Subjektivität!«

REALE TRENNUNGEN

Diese Aufhebung der Trennung zwischen Subjektivität und Objektivität ist ein metaphysischer Trick, der die realen Trennungen übergeht, die niemals ganz überwunden werden können. Ich bin auf individueller Ebene vom Objektiven getrennt — als Individuum bin ich eine körperlich und sinnlich von der Welt gesonderte Entität, auch wenn ich Teil von ihr, mit ihr verbunden und von ihr geprägt bin. Als Individuum kann ich auch niemals unmittelbar eins werden mit Gefährten und Genossinnen — ich muss mich mit ihnen ins Verhältnis setzen. Meine eigenen Wünsche erzeugen nicht einfach ein Bild der befreiten Gesellschaft — an ihnen kann etwas Zufälliges sein, sie können auch (bedingt durch Erfahrungen, Verletzungen, Zumutungen) deformiert sein. Auf der Ebene des Kampfes besteht gerade am Anfang eine Trennung, die nicht einfach übersprungen werden kann: Es gibt Proletarisierte, die damit beginnen, selbsttätig zu sein und sich zu organisieren, die auf diesem Gebiet bereits Erfahrungen machen — und es gibt solche, die es nicht tun oder die sich sogar dagegen stellen, die andere politische Ziele verfolgen. Auf der Ebene der revolutionären Organisierung können Trennungen auftreten, für die nicht einfach nur der konterrevolutionäre Geist des Aktivismus und der Linken verantwortlich ist, sondern die dadurch entstehen, dass die kollektive Entdeckung und Formulierung der eigenen Interessen ein offener Prozess ist, in dem Widersprüche entstehen können. Die revolutionäre Strategie liegt nicht einfach auf der Hand. Innerhalb einer revolutionären Bewegung wird es immer verschiedene Fraktionen geben, die unterschiedliche Ansätze, Ansichten und Strategien verfolgen, die verschiedene Wege gehen, da sie von unterschiedlichen Ausgangspunkten kommen. Es gibt nicht die revolutionäre Einheit — es sei denn in einer Vorstellung, in der man das eigene Zirkelwesen unmittelbar in das Ganze der großen Bewegung übersetzt sehen will. Auf der Ebene der befreiten Gesellschaft können Trennungen auftreten — weil sie als Weltgesellschaft einen hohen Grad an Komplexität aufweist und sich nicht in autonome Gruppen-Einheiten auflösen lässt, da in den Beziehungen zwischen Menschen (und zwischen Mensch und Natur) Abhängigkeiten bestehen. Eine befreite Gesellschaft lässt sich nicht als widerspruchs- und konfliktlose Einheit vorstellen — es sei denn durch einen Zwang, der ungeheuerlich sein müsste.

VERMITTLUNG

All diese Probleme werden von der OJTR durch eine Hypostasierung der Arbeiterräte, die »durch ihre Ideen, aber vor allem durch ihr Verhalten in den Kämpfen zeigen, dass sie niemals Gefahr laufen, Interessen zu verfolgen, die nicht die des gesamten Proletariats sind«. Ich will nicht dagegen sprechen, dass die Erfahrung der Arbeiterräte ungeheuer wichtig für jede künftige revolutionäre Bewegung sein wird. Aber hier wird so getan, als ob diese »endlich gefundene politische Form der ökonomischen Befreiung« (Marx) die Interessenseinheit des Proletariats einfach so herstellen würde. Dass die Räte aber vor einer großen Aufgabe stehen, die sie immer wieder neu zu lösen haben werden, deutet die OJTR nur in einem Nebensatz an: dass die Räte dazu in der Lage sein müssen, »die Regeln der direkten Demokratie anzuwenden«. Ich würde es so wenden: Den Räten muss es gelingen, demokratische Formen zu finden, in denen die real auftretenden Trennungen und Widersprüche eine Vermittlung finden können. Diese Vermittlungsformen müssen dazu in der Lage sein, die verschiedenen Fraktionen des Proletariats auf solche Weise in ein Verhältnis zueinander zu setzen, dass sich darin Widersprüche bewegen können — ohne dass dabei eine einfache Identität des Proletariats gesetzt wird, aber auch so wirksam, dass die Gesamtbewegung dem revolutionären Ziel nicht entgegenläuft. Diese Prinzipien muss eine gegenwärtige Bewegung (heraus)finden, wenn sie eine Perspektive haben will. Es hilft nichts, die Arbeiterräte oder das Proletariat als mythische Einheit zu setzen — was eben auch wieder bedeuten würde, das Proletariat als ein geheimnisvolles »Anderes« zu behandeln. Deshalb ist es sinnvoll, die Organisationsdebatte zu führen — am besten nicht nur auf philosophisch-revolutionstheoretischer Ebene, sondern auch anhand von praktischen Erfahrungen.

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