S. Arthur / M. Ford / F. Trillian
Im Jahr 2018 wurde die feministische Bewegung ausgehend von Lateinamerika und Südeuropa weltweit von einer Euphorie erfasst. Auch in der Bundesrepublik war die Rede von einer neuen Welle des Feminismus. Überall gründeten sich lokale feministische Komitees, die sich zum Ziel setzten, zum 8. März nicht mehr um eine Gleichstellung der Frau zu betteln, sondern durch Streiks das Patriarchat und den mit ihm verquickten Kapitalismus direkt anzugreifen. Auch wenn das Ziel reichlich abstrakt und hoch gegriffen ist und die Bewegung zumindest in Deutschland auch ziemlich schnell ins Stocken kam, war der 8.März-Streik 2019 für uns und einige unserer Genoss*innen eine einschneidende Erfahrung. Die Organisierung rund um den Streik unterschied sich sehr von unseren bisherigen Alltagserfahrungen wie unseren Erfahrungen mit politischem Aktivismus:
Wir waren sowohl Subjekt als auch Objekt der Auseinandersetzungen. Dabei haben wir nicht nur einen Teilbereich unseres Lebens zum Gegenstand der Auseinandersetzung gemacht, sondern unser Leben als Ganzes. Damit tauchten wir als ganze Person in den Kämpfen auf und blieben ihnen nicht als professionelle Aktivist*innen äußerlich. Die Tatsache, dass wir begonnen hatten, ernsthaft über politischen Streik als Praxis nachzudenken, machte das auch nötig: Wer außerhalb des institutionalisierten Streikrechts die Arbeit niederlegen will, braucht ein enges soziales Netz und verlässliche solidarische Strukturen, die sie auffangen. Die politische Arbeit ohne Cis-Männer gab uns neben der Möglichkeit, uns aus unserer eigenen Betroffenheit heraus zu organisieren, auch die Möglichkeit, neue Rollen und Strukturen auszuprobieren und andere Beziehungen auszubilden. Der feministische Streik wurde so ein Ort für uns, an dem wir andere Erfahrungen machten als die von Ohnmacht und Entfremdung, die oft in unseren politischen Aktivismus Einzug halten. Worin das Problem dieses Aktivismus liegt und wie er auch als Teil der bürgerlichen Gesellschaft verstanden werden muss, ist Gegenstand dieses Thesenpapiers. Genauso wie der Versuch, ein paar Ideen zu einer tatsächlich revolutionären feministischen Praxis zusammenzutragen.
… ist, dass es ihm zentral darum geht, auf die bürgerliche Öffentlichkeit einzuwirken. Wir glauben, dass uns das bei dem, was wir wollen, nicht so viel bringt. Das liegt in der Funktionsweise der bürgerlichen Öffentlichkeit und daran, dass unsere Erfahrungen darin nicht auftauchen. Oskar Negt und Alexander Kluge haben das für die Erfahrungen von Proletarisierten sehr treffend dargestellt1 — wir finden, dass sich die Kritik der bürgerlichen Öffentlichkeit auch für die Erfahrungen von FLINT-Personen weiterdenken lässt. Sozialrevolutionäre Organisierung bedeutet Organisierung unserer Erfahrungen. Das ist in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht möglich. Unser Ziel muss deshalb sein, eine eigene proletarische, feministische Gegenöffentlichkeit zu produzieren.
A) ERFAHRUNG & ORGANISIERUNG
Unser Erfahrungsbegriff fasst Erfahrung nicht als die bloße Anhäufung von auf eigenen Erlebnissen beruhendem Wissen. Erfahrung meint einen Prozess der Selbstbildung, in dem wir als Subjekte selbstwirksam werden. In der bürgerlichen Gesellschaft ist uns Proletarisierten diese Art der Erfahrung nicht möglich.
Der Begriff der organisierten gesellschaftlichen Erfahrung, die proletarische Erfahrung, meint bereits »die Erfahrung in der Herstellung von Erfahrung«2 , weil dies der Ort ist, in dem die Proletarisierten Erfahrung von Selbstwirksamkeit machen, weil sie den Horizont und damit die Verhältnisse, in denen die Einzelne ihre Erfahrungen macht, kollektiv selbst bestimmen und damit die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen in Frage stellen. Proletarische Erfahrung bedeutet somit, in der kollektiven Organisierung durch das Einbringen der eigenen Interessen Selbstwirksamkeit zu spüren, indem durch die eigene Handlung eine Veränderung in der Umwelt bewirkt wird und diese wiederum die Einzelne verändert.
B) ÖFFENTLICHKEIT & DAS PRIVATE
Die moderne kapitalistische Gesellschaft ist durch die bürgerliche Öffentlichkeit strukturiert. Das (politische) Handeln der Individuen in dieser Gesellschaft und ihre sozialen Beziehungen sind Mittel zum Schutz des Warenverkehrs: Privatleute treten sich hier nicht mehr als »Menschen«, sondern als »Eigentümerinnen« gegenüber. Diese Eigenschaft bestimmt ihre Subjektivität. Gerade darin unterscheidet sich die bürgerliche Öffentlichkeit von früheren Formen der Öffentlichkeit: Ihr Gegensatz, das Private, erscheint in dieser Gesellschaft — anders als in vorbürgerlichen Gesellschaften — lediglich als ein körperloses Anhängsel der öffentlich auftretenden Bürgerin. Tatsächlich bildet aber das Private gerade die Grundlage der bürgerlichen Öffentlichkeit.3 Die Eigentumsverhältnisse werden in der bürgerlichen Öffentlichkeit in der privaten Sphäre verortet. Der Mensch erscheint in der Öffentlichkeit nur als Eigentümerin — die Grundlage dieses Eigentums verschwindet im Privaten.
Grundlegendes Element der bürgerlichen Öffentlichkeit sind also die ökonomischen Bedingungen, unter denen sich ihre Entwicklung vollzieht: »Die soziale Voraussetzung dieser ›entfalteten‹ bürgerlichen Öffentlichkeit ist ein tendenziell liberalisierter Markt … der positive Sinn von ›privat‹ bildet sich überhaupt am Begriff der freien Verfügung über kapitalistisch fungierendes Eigentum.«4 Die Teilnahme an der bürgerlichen Öffentlichkeit bleibt damit an die Eigentumsfrage gekoppelt. Dennoch wird in der entfalteten bürgerlichen Öffentlichkeit der Anspruch vertreten, die Interessen aller Menschen repräsentieren zu können.
Auch als Proletarisierte nehmen wir, als Besitzerinnen unserer Arbeitskraft, an dieser Öffentlichkeit teil. Für uns aber »erscheint diese als etwas, […] das man nicht gebrauchen kann«.5 Nur ein bestimmter Teil der Gesellschaft ist in der Lage, seine Interessen in ihr zu artikulieren und diskutierbar zu machen. Woran liegt das?
»Die meisten und wichtigsten Erfahrungen sammeln Menschen in der Intimität — Heranwachsen, Liebe, Verlust — und in der Arbeitswelt. Beide Bereiche gehören der Privatsphäre an«.6
Gesellschaftlich höchst relevante Topics wie Eigentumsverhältnisse, Kindererziehung, Care-Arbeit und andere Reproduktionstätigkeiten sind in der kapitalistischen Gesellschaft im Privaten verortet. Ausbeutung in der Produktion oder im Geschlechterverhältnis sind im Privaten verortet, bilden aber die Grundlage der modernen kapitalistischen Gesellschaft.
Unsere Interessen, die die Produktion und Reproduktion mit einschließen, gelten in der bürgerlichen Öffentlichkeit als Privatinteressen. Die kollektive Kritik an patriarchalen und kapitalistischen Mechanismen und Zuständen ist ebenso in der Sphäre des Privaten verortet. »Das Arbeiterinteresse erscheint in der bürgerlichen Öffentlichkeit lediglich als ein gigantisches, kumuliertes ‚Privatinteresse’, nicht als eine kollektive Produktionsweise qualitativ neuer Formen von Öffentlichkeit und öffentlichem Bewusstsein.«7
In der bürgerlichen Öffentlichkeit, glauben wir, können wir nicht nur unsere Erfahrungen als Proletarierinnen nicht organisieren, sondern ebenso auch nicht als FLINT. Die bürgerliche Öffentlichkeit stellt sich als Gesamtheit der Gesellschaft dar. Was in ihr nicht enthalten ist, ist neben der Produktion auch die Familie und die mit ihr verbundenen sozialen Beziehungen und Sorgearbeit. Die Unterdrückung und Ausbeutung von FLINT findet zusätzlich zu kapitalistischer Ausbeutung als Arbeiterin genau dort statt. Sexuelle Gewalt, Abwertung und Ausbeutung durch unbezahlte Hausarbeit sind damit Fragen des Privaten. Der Kampf gegen diese kann deshalb nicht in der bürgerlichen Öffentlichkeit artikuliert werden.
In der bürgerlichen Öffentlichkeit begegnen sich die Einzelnen als Warenbesitzerinnen und darin notwendig als autonome und gleiche Subjekte. Das Problem von FLINT ist jedoch ihr prekärer Subjektstatus. Gerade die Nicht-Anerkennung als Subjekt, zum Beispiel wenn es um das Recht auf Abtreibung geht, aber auch um subtilere Momente in sozialen Nahbeziehungen, ist Teil des Patriarchats. Diese lässt sich aber nicht in der bürgerlichen Öffentlichkeit artikulieren, da diese eine Öffentlichkeit der autonomen Subjekte ist. Die Erfahrung der Objektivierung und Ohnmacht lässt sich dort nicht Organisieren. Das stellt auch für proletarisierte Männer ein Problem dar, deren vermeintliche Autonomie in der kapitalistischen Gesellschaft auch recht prekär ist.
C) BLOCKIERUNGEN DER ERFAHRUNG IN DER BÜRGERLICHEN ÖFFENTLICHKEIT
Bürgerliche Öffentlichkeit hat nicht nur keinen Gebrauchswert für uns, sie blockiert uns auch in der Produktion einer eigenen, proletarischen Erfahrung. Die Blockierung beginnt bereits in der räumlichen Sphäre, in der wir unsere Erfahrungen machen. Der Großteil der Lohnarbeiterinnen verbringt die meiste Zeit des Tages an klar begrenzten, sich immer weiter ausdifferenzierenden, teilweise digitalisierten Arbeitsplätzen. Ein allumfassender räumlicher Überblick bleibt den meisten verwehrt. Die Vereinzelung erstreckt sich für uns, die die Reproduktionsarbeit erledigen, noch weiter. Frauen erledigen das Kochen, Putzen, Kinder erziehen und Aushandeln mit demder Partnerin, wer die Kinder zur Schule bringt, allein in ihren Wohnräumen und Beziehungen. Hier existiert nicht einmal die Möglichkeit, innerhalb des zersplitterten Produktionsprozesses gemeinsam Erfahrungen mit den Kolleginnen, beispielsweise im Pausenraum oder auf dem Weg zur Arbeit, zu organisieren.
Auch außerhalb der Arbeitswelt blockiert die bürgerliche Öffentlichkeit eine autonome Organisierung unserer Erfahrungen. Ihre »Freizeit« verlebt die Einzelne meist in den Zusammenhängen der Familie, welche der in der kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr existierenden bürgerlichen Kleinfamilie nachempfunden ist. Unsere Erfahrungen können wir in diesen Strukturen nicht organisieren, denn innerhalb der Familie werden die Individuen im Sinne der Produktionsverhältnisse sozialisiert. Die autonome Organisierung von Bedürfnissen, welche einer Verwertung innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse entgegenstehen, kann in diesem Rahmen nicht stattfinden. Zwar bietet der familiäre Zusammenhang für einen Teil des Lebens auch Schutz vor den Prozessen der Arbeitswelt, allerdings dient er gleichzeitig der Zurichtung der Individuen als Ware Arbeitskraft.
Unsere Erfahrungen, Interessen und Bedürfnisse werden in der bürgerlichen Öffentlichkeit als »dequalifiziert« betrachtet und damit negiert, denn sie lassen sich weder in den Institutionen, dem Alltagsverhalten, noch den Massenmedien wiederfinden. Dieser Zustand der Negation verschärft die Blockierungen. Das Individuum »müsste eine unerhört starke Natur oder kindliches Selbstbewusstsein haben, um sich gegen den gesellschaftlichen Druck aufrechtzuerhalten, in welchem dem Arbeiter die von ihm selbst unbewusstkollektiv mitproduzierte Öffentlichkeit gegenübertritt«.8 Die Dequalifizierung der proletarischen Erfahrung wird durch die vorangegangenen Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen verstärkt.
Die Blockierung und Erfahrungslosigkeit zu erkennen, ist notwendig, um das Bestehende kritisieren zu können und um eine eigene »feministische, proletarische Öffentlichkeit« zu produzieren, in der wir Handlungsfähigkeit herstellen können. Der Aktivismus als gängige Form linksradikaler und feministischer Praxis, glauben wir, tut genau dies nicht.
Der Aktivismus beschreibt hier Versuche linker Praxis, auf die öffentliche Sphäre einzuwirken, indem er sich ihren Verkehrsformen anpasst. Im Gegensatz dazu versucht die revolutionäre Praxis proletarische Öffentlichkeit zu schaffen: Geklaut ist dieses naheliegende Begriffspaar aus dem Text »Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung«.9 Diese Anpassung ist erst mal nicht sehr verwunderlich, denn wir neigen dazu, die Verkehrsformen der alten Öffentlichkeit zu reproduzieren und für das Entstehen einer proletarischen Öffentlichkeit bedarf es einer kontinuierlichen Selbstreflexion. Tragisch wiederum ist, dass die Interessen der Proletarierinnen in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht verhandelbar sind (sie sind ja im Privaten verdrängt). Der Aktivismus kann so keine revolutionäre Praxis sein.
a) Denn die Aktivistin strebt nicht die Transformation ihres alltäglichen Lebens an, sondern versucht im Gegenteil, dieses Terrain zu meiden. Sie stellt sich so in den Dienst der bloßen Idee, welche sie von den Interessen des Proletariats hat, und platziert sich selbst außerhalb ihrer eigenen Kritik der Welt. Ein Großteil ihrer Erfahrungen bleibt so aus ihrer Praxis ausgeschlossen und unorganisiert. Ihr vermeintlich kritischer Blick auf die Welt ist verstellt: Organisierungsfragen tauchen für sie hauptsächlich als Problem der Agitation auf; die Theorie dient der Aktivistin nicht als inhaltlicher Zugang zu revolutionärer Politik, sondern um sich der Ernsthaftigkeit ihrer Agitationsversuche zu versichern. Die Kampagne ist politischer Reflex der Aktivistin auf die Organisierungsfrage und nicht Ergebnis strategischer Diskussion. Sie ist eine selbstentfremdete Praxis: Da ihre Politik keinen selbstbestimmten Ansatzpunkt hat, sondern sich hauptsächlich über ihre Gegnerinnenschaft zu den herrschenden Verhältnissen definiert, kann sie sich lediglich der Strategie »der Feindin« entgegenstemmen und bleibt so weiterhin Objekt der Vorgaben und Pläne dieser Verhältnisse. So können auch politische Erfolge kaum registriert, geschweige denn genutzt werden, weil die Feindin ja immer irgendwo in der Überzahl ist. Registriert werden lediglich militärische Erfolge.
b) Themenbereiche, in denen erst mal keine Aussicht auf direkte Aktion besteht, werden Reformistinnen überlassen. So betreibt die Aktivistin selbst Reformismus: Während sie für den politischen Druck sorgt, aber tendenziell eher desolater aus einer Kampagne hervorgeht (Erschöpfung/Repression), können reformistische Kräfte konkrete politische Konzepte vorweisen, um die an den Kämpfen Beteiligten an sich zu binden und den Normalzustand zu festigen und zu sichern.
c) Da der Aktivismus kein sozialer Prozess ist, bleibt nicht nur die Aktivistin, sondern auch das ›politische Subjekt‹ ihrer Praxis Objekt der politischen Organisierung: Sobald sich herausstellt, dass dieses nicht beabsichtigt, sich in ›die Szene‹ agitieren zu lassen, wird es fallen gelassen. Folge davon ist, dass linke Organisierung nur während des politischen Aktivismus stattfindet (»wir kommen nur in unseren Kämpfen zusammen«). So bleibt der Aktivismus einer arbeitsähnlichen Verwertungslogik untergeordnet: Eine grundsätzlich(ere) Politik wird überflüssig, denn die Aktivistin legt keinen Fokus auf die Anpassung der politischen Formen an die gesellschaftlichen Bedingungen. Da die Tätigkeiten der Aktivistin nicht die Verlängerung ihrer eigenen Wünsche sind, sondern einer ihr außenstehenden Logik gehorchen, kann sie ihre Praxis nicht an der Befriedigung ihrer Wünsche messen, sondern nur »an der Anzahl der aufgewendeten Stunden, der Anzahl verteilter Flugblätter«. Und es kommt noch schlimmer: Im Gegensatz zur Warenproduktion, die wirtschaftlich messbar ist, imitiert der Aktivismus Arbeit nur; er kann sich nicht am »Fortschreiten der Revolution« messen (bzw. man wüsste nicht so wirklich wie). Die Arbeit wird zum Selbstzweck.
d) Sobald die Einzelerfahrungen der Aktivistinnen in der gleichen Art und Weise wie in der bürgerlichen Öffentlichkeit diszipliniert werden, findet auch in ihren Organisationen keine Produktion proletarischer Erfahrung statt. Es wird meist nur ein Teil des individuellen Lebenszusammenhangs integriert und ein Großteil der Erfahrungen bleibt ausgeschlossen und damit unorganisiert. Negt und Kluge machen vor allem die gewerkschaftliche Bildungsarbeit und die Kommunikation im Zuge von spontanen Arbeitskämpfen als Möglichkeiten aus, Erfahrungen direkt und unmittelbar gemeinsam zu organisieren. Hier kann es gelingen, die Ausgrenzungsmechanismen der bürgerlichen Öffentlichkeit zu überwinden, bis dato »private« proletarische Interessen und Bedürfnisse einzubinden und so die Blockierung der Einzelerfahrungen aufzulösen.10
a) Die proletarische Erfahrung rückt unseren Lebenszusammenhang und die Beziehungen — und damit nicht länger die Waren — in den Mittelpunkt der Produktion von Öffentlichkeit. Konkret bedeutet dies eine Aufhebung der Blockierungen der Einzelerfahrungen in Form einer kollektiven basisdemokratischen Organisation, in der eine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Interessen möglich wird. Es ergibt sich etwas Gegenteiliges zur sonst erfahrenen Ohnmacht: Das Individuum bringt die eigenen Interessen und Bedürfnisse in die gesellschaftlich organisierte Erfahrung ein. Damit verändert sich das Objekt ihrer Erfahrung, nämlich der Zusammenhang, in den es ihre Erfahrungen eingebracht hat. So begegnet ihr die organisierte gesellschaftliche Erfahrung in einem von der Einzelerfahrung veränderten Zustand — die Einzelne erlebt sich als wirkmächtig. Innerhalb der proletarischen Öffentlichkeit dürfen nicht die Verkehrsformen der bürgerlichen Öffentlichkeit reproduziert werden, welche die Trennung von Individuum und Gesellschaft fortsetzen und somit das Beziehen unserer Interessen auf das gesellschaftliche Ganze verhindern.
Die proletarische steht in einem dialektischen Verhältnis zur bürgerlichen Öffentlichkeit. Sie und ihre Vorform, die Gegenöffentlichkeit, entstehen als Abgrenzung zu der bürgerlichen Öffentlichkeit und eben in dieser Art und Weise, als Negation des Bestehenden, beziehen sie sich auf sie. Sie sind somit grundverschieden und doch geht die eine aus der anderen hervor. Hierin liegt gleichzeitig eine Gefahr der (unbewussten) Reproduktion der bürgerlichen Verkehrsformen. Das Entstehen der proletarischen impliziert das Zerfallen der bürgerlichen Öffentlichkeit. Von der sich zersetzenden, bestehenden Öffentlichkeit können dabei für die sich herausbildende Gegenöffentlichkeit hindernde Einflüsse ausgehen.
Während sich in der Gegenöffentlichkeit bereits ein Teil der proletarischen Interessen gegen die herrschenden Interessen organisiert, sind gleichzeitig eben nicht alle diese Interessen in ihr organisiert. Dies kann dazu führen, dass auch die beginnende proletarische Öffentlichkeit zu einer Scheinöffentlichkeit wird, die lediglich vorgibt, die gesamten Interessen der Proletarierinnen zu organisieren, und damit die Blockierungen der Einzelerfahrungen verfestigt.
b) Im 8M-Streik sind wir selber die Subjekte unserer politischen Praxis, denn unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse werden in den Mittelpunkt der Organisierung gestellt. Das steht einem instrumentellen Verhältnis zum politischen Subjekt erst einmal entgegen. Allerdings bleibt fraglich, ob wir uns nicht vielleicht auch als politische Subjekte selbst instrumentalisieren können: Sich als FLINT zu organisieren, kann zum Beispiel trotzdem bedeuten, dass man sich seiner Praxis außenstehend begreift, z.B. wenn wir über Migrantinnen oder trans Menschen sprechen, sie aber nicht Teil des Bündnisses sind. Trotzdem zwingt uns die Organisierungs- und Aktionsform dazu, selbst, in unseren Zusammenhängen, für uns zu agieren. Dass der Streik 2019 gescheitert ist, zeigt aber vielleicht, dass wir das auch noch lernen müssen.
c) Während der Organisierung zum 8M-Streik geht es immer um unseren gesamten Lebenszusammenhang. In dem Moment, wo wir uns als FLINT organisieren, zieht sich die Auseinandersetzung durch alle Bereiche unseres Lebens: vom Lächeln und Summen bis zum Software entwickeln. Das birgt die Tendenz, dass immer wieder neue Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen in die Organisation mit einbezogen werden. Das hat auch zu Konflikten geführt, weil wir in Kampangenform zu einem bestimmten Datum mobilisiert haben.
Dass die verschiedenen Lebensbereiche aufeinander bezogen werden müssten, tauchte bei feministischen Kämpfen bis jetzt nur (?) als Problem auf. Die Aktionsform »feministischer Streik« macht es tendenziell notwendig, sie aufeinander zu beziehen. Vergleichbar ist das mit den wilden Streiks, die Negt und Kluge erwähnen (man muss sich in nicht-institutionalisierten Streiks früher oder später auch Gedanken machen, wie Versorgung mit Essen, Wohnen oder von Kindern läuft).
d) Mit der Aktionsform wird direkt die Grenze bürgerlicher Öffentlichkeit gesprengt: Bestreikt wird, was eigentlich nicht bestreikt werden kann, denn in der bürgerlichen Gesellschaft geschieht Sorgearbeit in erster Linie privat, vereinzelt, unsichtbar und quasi natürlich. Feministische Kämpfe haben immer die Tendenz, die Grenzen zwischen verschiedenen Sphären der bürgerlichen Gesellschaft aufzubrechen: Das, was privat organisiert ist, wird ins Öffentliche geholt und kollektiv organisiert, wie etwa kollektive Kinderbetreuung oder KüFas, wie sie zumindest im feministischen Streik in Spanien in größerem Maße entstanden sind.
e) Der 8M-Streik ist ein wilder Streik, denn als politischer Streik kann er in Deutschland nicht institutionalisiert werden und die DGB-Gewerkschaften weigern sich dazu aufzurufen, deswegen konnten sie nicht disziplinierend eingreifen. Die Organisationsstrukturen sind basisdemokratisch und offen für Spontanität. Das trägt dazu bei, dass Blockierungen überwunden werden, führt aber auch zu Problemen für gemeinsame Entscheidungsprozesse. Trotzdem gab es in Hamburg nicht den Anspruch, eine Gesamtheit von Erfahrungen zu repräsentieren oder die Bewegung zu vereinheitlichen.
f) WARUM IST DER STREIK GESCHEITERT?
Zwar befreit sich der 8M-Streik von den Plänen und zeitlichen Vorgaben der herrschenden Verhältnisse durch das Moment der Selbstorganisation. Gleichzeitig bleibt das Datum bestehen, die politische Arbeit war auf den 8. März ausgerichtet und hatte damit kampagnenähnliche Züge: ein Angebot zu schaffen und FLINT zu agitieren (das heißt, rechtzeitig einen Aufruf fertig haben, Öffentlichkeitsarbeit machen, etc.). Darin kam uns gleichzeitig auch die Funktion der Aktivistin zu. (Wir hatten vorher gar keine Erfahrung darin, so Politik zu machen und waren darin erst einmal darauf fokussiert, innerhalb der bürgerlichen Öffentlichkeit zu wirken).
4. AUSBLICK
Tatsächlich ist der Streik in der Bundesrepublik aber gescheitert. Nur wenige FLINT haben die Arbeit verweigert, und das meist in sehr individualisierten Formen. Um tatsächlich die Voraussetzungen zu schaffen, massenhaft kollektiv zu streiken und so unsere Forderungen und politischen Begehren mit einem wirksamen Druckmittel durchzusetzen, scheint in den nächsten Jahren noch viel Aufbauarbeit nötig zu sein. Für uns war der gesamte Prozess der Organisierung vor allem einer des Lernens: Während wir zu Beginn noch sehr damit beschäftigt waren, über Flyerdesign und Demorouten zu diskutieren, wuchs das Begehren nach der gemeinsamen Organisierung im Zuge des Arbeitsprozesses. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen und wir werden hoffentlich in den nächsten Jahren immer konkretere Vorstellungen davon entwickeln können, wie wir uns als Bewegung organisieren können. Wenn wir uns überlegen, wie wir unseren Alltag verändern wollen, werden wir neben unseren Streikbündnissen auch in unsere Mietshäuser, Betriebe, Stadtteile umziehen müssen. Dort werden wir vielleicht auch merken, dass wir Kommunistinnen dem ganzen Geknechte im Patriarchat und Kapitalismus oft ganz ähnlich ohnmächtig gegenüberstehen wie die meisten anderen auch. Diesen Zustand können wir nur kollektiv bewältigen. Gleichzeitig muss das nicht bedeuten, dass wir uns alle mit unseren Nachbarinnen organisieren. Viel eher müssen wir in unseren verschiedenen Projekten die Organisierungsfrage in den Vordergrund stellen, unseren Alltag und unsere Erfahrungen Teil unserer politischen Projekte werden lassen. Dann wird sich der Erfolg unserer Praxis nicht mehr an der gesichtslosen Teilnehmerinnenzahl auf Großdemonstrationen messen, sondern an den Beziehungen, die wir während des Entstehungsprozesses miteinander aufbauen. Den 8. März in Zukunft nicht nur als einzigen feministischen Streiktag im Jahr, sondern als einen Tag unter vielen zu begreifen, kann ein Weg dorthin sein. Dies ist der Ernsthaftigkeit unseres Ziels, Patriarchat und Kapitalismus abzuschaffen, wohl auch angemessen.