in Erfurt (Ort wird noch bekannt gegeben)
Wir müssen Schluss machen mit den herrschenden Verhältnissen, weil sie unerträglich sind. Die Kritik an Staat und Kapital kann dabei nicht nur eine theoretische Frage sein – kritische Theorie ist nichts ohne den Willen zur Revolution. In der Organisierungsfrage wird die Analyse des Bestehenden mit dem subjektiven Willen zu seiner Überwindung ins Verhältnis gesetzt. Da die radikale Linke sich in einer Krise befindet, werden in verschiedenen Debatten bestehende Praxisformen einer kritischen Überprüfung unterzogen und neue Vorschläge diskutiert, die sich ihrerseits auf frühere Erfahrungen der Organisierung beziehen.
In den letzten 5 bis 10 Jahren haben in der radikalen Linken Ansätze wieder an Bedeutung gewonnen, die unter dem Stichwort „Klassenpolitik“ firmieren. Ausgangspunkt dafür war eine Strategiedebatte, die u.a. in den Texten „Der kommende Aufprall“ der Antifa Kritik & Klassenkampf (2015), „11 Thesen um Organisation und revolutionäre Praxis“ von kollektiv aus Bremen (2016) und „Das Konzept Kiezkommune“ von mehreren Berliner Gruppen ihren Niederschlag fand. In der Folge wurde in mehreren Städten der Aufbau von revolutionärer Basisorganisierung im Stadtteil begonnen. Die Idee war dabei, dass im Stadtteil verschiedene Konfliktfelder zusammen laufen (Wohnen, Arbeiten, Reproduktions- und Carearbeit, Rassismus, Zugang öffentlicher Räume, etc.), die sich als Ausgangspunkt für eine revolutionäre Perspektive politisieren lassen. In einigen Städten wurde dabei dem Beratungs-Organisierungs-Ansatz (BOA) aus Bremen gefolgt, der ein Beratungsangebot zu Problemen im Stadtteil mit einer gemeinsamen Organisierung im Sinne einer Stadtteilgewerkschaft verbindet.
In ihrem 2022 erschienen Buch „Revolutionäre Stadtteilarbeit“ hat die Gruppe Vogliamo Tutto Erfahrungen aus der revolutionären Stadtteilarbeit zusammen getragen und dafür Interviews mit Gruppen aus verschiedenen Städten geführt und ausgewertet. In der neunten Ausgabe des Magazins Kunst, Spektakel & Revolution hat Vogliamo Tutto die jüngere Entwicklung dieses Strategieansatzes erneut analysiert. Dabei hat die Gruppe festgestellt, dass sich innerhalb der Stadtteilorganisierung durchaus unterschiedliche Ansätze herausgebildet haben: Auf der einen Seite die Stadtteilgewerkschaften, in denen politische und ökonomische Interessen im Sinne einer Basisorganisierung zusammen geführt werden – auf der anderen Seite die Stadtteilkomitees, die als Vorfeld einer eigentlichen politischen Organisierung gedacht sind. Letzteres geht zum Teil mit einer mehr oder weniger offen artikulierten marxistisch-leninistischen Orientierung einher und zielt auf die Organisierung der Klasse in einer Partei.
Im Gegensatz dazu könnte man meinen, dass der Ansatz der Stadtteilgewerkschaft durchaus mit anarcho-syndikalistischen Ansätzen verwandt ist. In einem 2023 in der Direkten Aktion erschienenen Text hat Frederik Fuß herausgearbeitet, dass die Stadtteilgewerkschaften im Grunde die Funktionen der klassischen Arbeiterbörsen des Anarcho-Syndikalismus erfüllen. Neben den Syndikaten – die sich in der anarcho-syndikalistischen Konzeption von den Betrieben ausgehend organisieren und auf die Sphäre der Produktion fokussiert sind – sollten in den Arbeiterbörsen Fragen des Konsums, der Reproduktion und der Kultur verhandelt und organisiert werden. Diese lokal organisierten Börsen „wirken als ansprechbare Institution für die alltäglichen Probleme der Menschen in ihrem Wirkungsbereich“. In Magdeburg hat sich aus dieser Verwandtschaft heraus eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen der Kiezkommune Magdeburg und der lokalen Sektion der Freien Arbeiter:innen Union entwickelt.
Doch in einem weiteren, 2024 in der Tribüne Tsukunft erschienenen Text beurteilt Frederik Fuß den Ansatz der Revolutionären Stadtteilarbeit wesentlich skeptischer und formuliert die Vermutung, dass sich ein gewisser Leninismus auch im Beratungs-Organisierungs-Ansatz verbirgt. Dieser besteht nach Frederik Fuß darin, dass im BOA eine Trennung zwischen sich bewusst wähnenden, meist akademischen Aktivist:innen und den „normalen“ Leuten bestehen bleibt, wobei die Basisorganisierung ein Mittel ist, anstatt das Ziel zu sein.
Was bedeutet es, in der Organisierung von den eigenen Interessen auszugehen? Inwiefern impliziert dies auch, auf Andere zuzugehen, sie über ihre Interessen aufzuklären und für eine gemeinsame Organisierung zu werben? Was erfordert eine Organisierung auf Augenhöhe und wie lässt sich die Trennung zwischen „Aktivist:innen“ und „Organisierten“ aufheben? Ist eine gewisse Spezialisierung in der Organisationsarbeit notwendig oder ist darin bereits das Übel angelegt? Erzeugt ein Beratungsangebot eine passive Mitgliedschaft (sowohl in der Stadtteilgewerkschaft als auch in der FAU)? Was sind Kriterien der Selbstorganisierung?
Diese und ähnliche Fragen sollen am 30.07.2026 mit der Gruppe Vogliamo Tutto und Frederik Fuß diskutiert werden. Die Veranstaltung wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.
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